Publikation Veronika Kracher im Gespräch über Incels, toxische Männlichkeit und die Alt-Right

Die Journalistin und Autorin Veronika Kracher im Gespräch mit unserem Mitarbeiter Jonas Engelmann

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Die Autorin Veronika Kracher.

Die Frankfurter Journalistin und Autorin Veronika Kracher arbeitet derzeit an einem Buch über Incels – unfreiwillig im Zölibat Lebende (»Involuntary Celibates«). Incels, so Kracher, seien Ausdruck einer Gesellschaft, in der die Abwertung des Weiblichen an der Tagesordnung ist.

Obwohl Incels schon zahlreiche Gewalt- und Terrorakte begangen haben, wurde das Phänomen gerade im deutschsprachigen Raum bisher nur sehr oberflächlich analysiert. Mit ihrem Buch, das die Geschichte der Bewegung nachzeichnet, die Memes und Sprache der Incels erklärt, ihre Ideologie analysiert und eine sozialpsychologische Auseinandersetzung mit diesem Online-Kult anstrebt, will Veronika Kracher diese Lücke füllen.

In diesem Jahr haben wir als Landesstiftung das Thema Feminismus in all seinen Facetten zu einem unserer Bildungsschwerpunkte gewählt. Beschäftigt mal sich mit Geschichte und Gegenwart des Feminismus, so gehört leider auch sein Gegenstück, der Antifeminismus, zum Themenspektrum. Zur Einführung in diesen Themenkomplex hat unser Mitarbeiter Jonas Engelmann die Autorin Veronika Kracher zum Interview getroffen, das wir hier in voller Länge dokumentieren.

Veronika, du arbeitest derzeit an einem Buch über Incels. Wie würdest du in aller Kürze Menschen das Phänomen Incels erklären, die noch nie davon gehört haben?

Incel ist die Kurzform für »Involuntary Celibate«, also »Unfreiwillig im Zölibat Lebende«. Sie sind Anhänger der sogenannten »Blackpill«-Ideologie. Diese besagt, dass die attraktivsten 20 Prozent der männlichen Bevölkerung, sogenannte »Chads«, die sexuelle Verfügung über ALLE Frauen haben. Frauen sind dieser Ideologie nach allesamt hypergame und oberflächliche Schlampen, die ihre Zeit so gut wie ausschließlich damit verbringen, »das Schwanzkarussell zu reiten« und Sex mit Chads zu haben. Weniger attraktive Männer kriegen keine Frauen und keinen Sex ab. In der Vorstellung von Incels ist Sex jedoch ein Grundrecht, wie Nahrung oder Obdach ein Grundrecht sind; und Frauen entziehen Incels dieses Recht, da sie niemals auf die Idee kämen, mit einem Mann zu schlafen, der nicht aussieht wie Ryan Gosling. Incels betrachten sich als die unattraktivsten Männer überhaupt – sie befassen sich geradezu obsessiv mit ihrem eigenen Aussehen, als auch ihrem Hass auf Frauen. Für die entsetzliche Kränkung, dass Frauen keinen Sex mit Incels haben, müssen sie bestraft werden, was bis im misogynen Terrorakt münden kann.

Wann hast du Incels zum ersten Mal bewusst wahrgenommen?

Das erste Mal stieß ich 2014 auf das Phänomen, als der 22 Jahre alte Elliot Rodger auf dem Campus der Santa Barbara Universität in Isla Vista, Kalifornien, sechs Menschen ermordete und 14 weitere verletzte. Er hatte ein Manifest hinterlassen, in dem er begründete, dass er sich an Frauen rächen wollte, da sie ihm Zeit seines Lebens »Liebe und Sex entzogen hatten«. Um 2016 herum begann ich mich dann intensiver mit der Alt-Right zu befassen, und stieß bei meiner Recherche vermehrt auf Postings von Incels. Nach dem Terrorangriff des Incel Alek Minassian 2018 in Toronto erkannte ich, dass ich um eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema nicht herum komme.

Warum ist das Thema in Deutschland bislang so vernachlässigt worden? 

Ich kann mir zwei Gründe vorstellen: erstens, weil die deutschen Behörden in Sachen Internet ohnehin ein gutes Stück hinterher sind. Sowohl Neonazis als auch Incels haben große Online-Strukturen, die als Propaganda-Werkzeug genutzt werden. Sowohl auf Foren und Imageboards wie 4chan, auf Chatservern wie Discord als auch auf der Videospielplattform Steam entstehen extrem toxische Echokammern, in denen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit verbreitet wird. Viele PolizistInnen wissen nicht einmal, was 4chan ist; wie sollen sie dann noch extremere Seiten wie das rechtsradikale Trollforum »Kiwifarms« oder spezielle Incel-Foren wie incels.co kennen? In den USA ist man da zum Glück schon weiter.

Zweitens spielt meines Erachtens auch das mangelnde Bewusstsein in Bezug auf misogyne Gewalt und toxische Männlichkeit als solches eine Rolle. Körperliche sexuelle Belästigung ist in Deutschland erst seit 2017 Strafdelikt, verbale sexuelle Belästigung ist keins. Femizide werden nicht als explizit misogyne Straftat erkannt, und von der Presse als »Familiendrama« verharmlost. Sexuelle Gewalt wird selten verurteilt. Auch die Strukturen in der Polizei selbst sind oft sexistisch; wer zum Beispiel erfahrene sexuelle Gewalt zur Anzeige bringen will, sieht sich auf der Wache oft mit Zweifeln oder Stigmatisierung konfrontiert. Auch bringt die deutsche Gesellschaft Tätern immer noch Verständnis entgegen – »Der arme Mann konnte ja nicht anders als gewalttätig zu werden!« – während man Opfern die Schuld in die Schuhe schiebt. Es ist zwingend notwendig, die sogenannte »Rape Culture« als solche zu hinterfragen. Das bedeutet: Jungen zu mündigen Subjekten erziehen, die ihre Männlichkeit nicht über die Abwertung von Frauen oder queeren Menschen konstituieren, eine Kritik an der Sexindustrie, die suggeriert, dass man einen Recht auf den weiblichen Körper hat, und dieser auch immer zur Verfügung steht – viele Incels, aber auch viele Männer generell, haben Sexfantasien, die direkt aus gewalttätigen Pornos stammen, die sie schon von der frühen Adoleszenz an konsumieren – und einen Kampf gegen die patriarchal strukturierte Gesellschaft generell.

Was ist neben dem Hass auf Frauen zentral für das Weltbild von Incels?

Hass auf sich selbst, Nihilismus, Fatalismus, und eine obsessive Beschäftigung sowohl mit dem eigenen Aussehen als auch Sexualität. Die Blackpill-Ideologie besagt, dass das Leben als unattraktiver Mann das schlimmste Schicksal ist, was man erleiden kann. Man macht sich komplett davon abhängig, weibliche Aufmerksamkeit und sexuelle Zuneigung erfahren zu wollen, lehnt diese jedoch gleichermaßen ab, da man für alle Frauen, die nicht dem verkorksten Incel-Ideal – minderjährig und submissiv – entsprechen, nur Verachtung übrig hat. In der Vorstellung von Incels werden sie von der kompletten Gesellschaft für ihr vermeintlich unattraktives Äußeres verhöhnt und gehasst – die Incel-Vorstellungen von Attraktivität sind jedoch vollkommen verzerrt; die meisten von ihnen sehen aus wie ganz normale junge Männer! Aber schon eine Körpergröße von 1,70 oder zurückgehendes Haar bedeutet für Incels, dass ihnen Dating-Erfolg für immer verwehrt bleiben wird. So vergraben sie sich in einen bequemen Fatalismus: Frauen sind oberflächliche Schlampen und hassen mich, weil ich hässlich bin, also muss ich mich nicht darum bemühen, an mir zu arbeiten. Für Incels ist eine Welt ohne Sex und weibliche Aufmerksamkeit eine verlorene Welt, die man guten Gewissens hassen kann. In den Echokammern ihrer Foren suhlen sie sich masochistisch in ihrem Weltbild: sie malen sich das Sexleben anderer aus, um sich selbst damit zu geißeln, keinen Sex zu haben, und schreiben darüber, dass man sich als unattraktiver Mann direkt das Leben nehmen könnte. Es ist nicht verwunderlich, dass diese Ideologie psychisch krank macht: 90 Prozent der User des incels.co-Forums geben in einer Umfrage an, unter Depressionen zu leiden. Die Incel-Ideologie fügt ihren Anhängern tiefgreifende psychische Schäden zu, sie ist sowohl gegen Frauen als auch gegen Incels selbst gewalttätig.

Neben Incels: was sind deine weiteren Schwerpunkte und was ist dabei die große Klammer deiner wissenschaftlichen Interessengebiete?

Ich habe zwei Themenfelder, die ich schwerpunktmäßig beackere: einerseits Kultur – Filme, bildende Kunst, Literatur – andererseits Politik; da vor allem Rechtsextremismus, Antifeminismus und Antisemitismus. Als Anhängerin der kritischen Theorie finde ich, dass sich das mitnichten ausschließen muss, da man zu einer umfassenden Analyse der herrschenden Verhältnisse interdisziplinär agieren muss. Kultur ist ja auch immer Ausdruck der herrschenden Umstände; der Umgang mit denselben wird ja im Kulturschaffen sublimiert. Diese Reaktion auf die Verhältnisse kann sich subversiv oder affirmierend gerieren. In meiner Arbeit artikulieren sich solche Fragestellungen dann konkret zum Beispiel in einem Vortrag über postapokalyptische Filme als männliches Narrativ oder in einem Vortrag über Dadaismus, die Situationistische Internationale und Punk – es gibt nichts, was nicht in irgendeiner Form politisch ist, leider. Ich betrachte die Dinge aus einer materialistisch-feministischen Perspektive, die ich als »große Klammer« bezeichnen würde. Davon ausgehend versuche ich, eigentlich alles zu kritisieren, was mir über den Weg läuft. 

 Du machst dich als öffentlich Person ja auch extrem angreifbar. Was hast du dabei für Erfahrungen gemacht?

Uff. Da war einmal ein Angriff der inzwischen zunehmend in der Bedeutungslosigkeit versinkenden, postlinken Splitterzeitschrift Zeitschrift »Bahamas«, der eigentlich kaum etwas anderes war als eine Aneinanderreihung antifeministischen Gewäschs von Männern, die ein Problem damit hatten, dass ich ihren Antifeminismus kritisierte. Dies führte dann auch dazu, dass ich eine Zeitlang Feindbild Nummer 1 dieser sich als »Ideologiekritiker« labelnden Frauenfeinde wurde. Einer von denen stalkt und attackiert mich auch zwei Jahre nach dieser ganzen Angelegenheit regelmäßig, so dass ich inzwischen gezwungen war, meine Anwältin zu konsultieren – sein Hass auf mich gleicht einer Obsession. 

Dann war da letztes Jahr ein Nazi-Shitstorm, der von der Identitären Bewegung koordiniert worden war. Ich hatte nach dem Angriff auf einen AfD-Politiker artikuliert, dass ich antifaschistische Gewalt für eine – wenn auch tragische – Notwendigkeit halte, und wurde nach einem Aufruf von dem IB-Kader Martin Sellner über mehrere Tage hinweg brutal online attackiert – Vergewaltigungs- und Morddrohungen inklusive. Prominente Vertreter der radikalen Rechten riefen dazu auf, einen Vortrag von mir zu stören, was dank der Unterstützung der lokalen Antifa zum Glück in die Hose ging. Ich hatte eine Zeitlang nichtsdestotrotz große Angst, in bestimmten Gegenden alleine Bahn zu fahren, und hatte über Wochen hinweg psychische Schäden. 

Dann kommen noch kleinere Sachen: wenn ich über Antisemitismus in Burschenschaften spreche, kommen regelmäßig Korporierte, um zu stören. Oder, da ich mich mit Rechtsextremismus auf Imageboards wie 4chan oder dessen deutschen Ableger Kohlchan befasse, wird dort auch gegen mich gehetzt, was sich zum Beispiel darin artikuliert, dass die User (eine Mischung aus Incels und Neonazis) öffentliche Inhalte von mir, wie YouTube-Videos, mit misogynen Kommentaren vollspammen.

Als Frau, die sich gegen die patriarchalen Vorstellungen von Frausein – die Schnauze halten und bloß nicht männliche Herrschaft hinterfragen – stellt und diese öffentlich attackiert, stellt man immer eine Bedrohung für die Exekuteure dieses Systems dar. Für misogyne Männer ist die bloße Existenz einer Feministin ein derartiger Affront und eine Kränkung, dass sie zum Schweigen gebracht werden muss. Dieser Hass auf diese Frau, und diese Angst vor allem, was sie repräsentiert, nämlich: eine Welt, in der man die eigene mickerige Existenz nicht mehr über die Unterdrückung von Frauen oder queeren Menschen aufwerten kann, artikuliert sich letztendlich in frauenfeindlicher Gewalt. Einerseits, um der Frau das Weiterarbeiten im besten Falle zu verunmöglichen, andererseits als Warnung an andere Frauen: »Wenn Du nicht dein Maul hältst, werden wir dir ebenfalls das Leben zur Hölle machen.« Das betrifft nicht nur mich, sondern jede Frau, die sich wehrt. Deswegen ist es so wichtig, dass möglichst viele Frauen sich öffentlich artikulieren, organisieren und zusammen solidarisch kämpfen – je mehr wir sind, desto weniger kriegen sie uns klein.

 Gleichzeitig bist als öffentliche Person auch aktuell sehr gefragt. Die breitere Öffentlichkeit hat dich zum ersten Mal mit deinen Analysen zum Anschlag in Halle wahrgenommen: Hier stand ja vor allem der Antisemitismus im Vordergrund und weniger Frauenhass. Du hast das Video des Attentäters analysiert: Wie verhält sich seine Tat zu Anschlägen von Incels?

Ich sagte anlässlich von Halle zu einem Kollegen, der sich mit rechtsextremen Strukturen in der Gaming-Szene befasst, und bei dem das Telefon auch nicht mehr still stand, in etwa: »Das ist so bitter. Es müssen zuerst zwei Menschen ermordet werden, und der größte antisemitische Anschlag der Nachkriegszeit an einer Synagogentür scheitern, damit die Öffentlichkeit darauf hört, was wir zu sagen haben.« Dass man dann gefragt wird, hat also durchaus ein sehr unangenehmes »Gschmäckle«. 

Der Anschlag von Halle war definitiv ein antisemitischer Anschlag, aber der Täter hielt sich in den ebenfalls von Incels frequentierten »chan-Boards« auf: Imageboards, in denen eine Kultur(losigkeit) von Zynismus, Abwertung anderer und »moralischer Grenzüberschreitung« geprägt wird – also immer wieder extreme gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit artikuliert, aber diese als ironischer Witz verkauft wird. Ich würde Incels in den gleichen Typus Täter kategorisieren wie den Attentäter von Halle, oder andere in chan-Boards verortete Rechtsterroristen wie die Täter des antisemitischen Anschlags in Poway, Kalifornien, oder des rassistischen Anschlags von El Paso, Texas. Das sind Täter, die sich in ihrer (weißen, männlichen) Hegemonie angegriffen fühlen; und dieser Angriff stellt eine narzisstische Kränkung jener Hoheitsposition dar, von der sie glauben, sie stünde ihnen zu. Sie wollen eine Welt, in der sie wieder eine unangefochtene Herrscherposition innehaben, zurück. Der Terrorakt ist die Wiedergutmachung der narzisstischen Kränkung, eben kein Herrscher, sondern nur ein kleines Rädchen im Getriebe des Spätkapitalismus zu sein. Durch den Mord an anderen können sie sich an der Kränkung, eben nur ein Wurm im Kompost der Verhältnisse zu sein, rächen, und sich zum Soldaten für eine größere Sache, nämlich einem Krieg um die weiße und/oder patriarchale Vorherrschaft aufschwingen. Der Terrorakt ist eine Form der Mannwerdung, und der männlichste Mann ist nun einmal der Soldat. Ein Meme, das die Terroristen von Christchurch, Poway und El Paso als »Chads«, also als hypermaskuline und virile Supertypen darstellt, unterstreicht meine These. Auch der Incel-Superstar Elliot Rodger schrieb in seinem Manifest detailliert darüber, dass sein Mord an Kommilton*innen ihn endlich zum Mann machen würde. Es ist übrigens auch nicht verwunderlich, dass alle diese Terroristen sich immer wieder auf Anders Breivik beziehen, der mit seiner Tat dieser Idee des »DIY-Täters« den Weg geebnet hat. Der Attentäter von Halle wird auf Memes übrigens als Incel und jungfräulicher Versager dargestellt – weil ihm die Mannwerdung durch den Terrorakt eben nicht gelungen ist.

 Die Abwertung des Weiblichen bis hin zu Gewaltfantasien und realen Morden sind den Incels eingeschrieben, aber woher kommt dieses Weltbild? Was ist die Ursache dieser Projektionen, wenn man das überhaupt pauschal beantworten kann?

 Da müsste ich relativ weit ausholen. Die Ursache dieser Projektion ist natürlich im Patriarchat verortet, das laut der Historikerin Gerda Lerner über den Zeitraum von 3100 bis 600 vor Christus gewalttätig etabliert wurde, vor allem über das Prinzip des Frauentauschs, Sexsklaverei und Zwangsprostitution; mit dem Ziel, den weiblichen Körper und die Reproduktionsfähigkeit zu kontrollieren. Die moderne Abwehr des Weiblichen als Gegenpol zum Männlichen kam mit der Entstehung des sogenannten »Geschlechtscharakters« auf; das war Mitte des 19. Jahrhunderts, der als Gegenmoment zur Emanzipationsbewegung eingeführt wurde. Der Geschlechtscharakter besagt, dass Frauen gar nicht außerhalb der Reproduktionssphäre und als Subjekte im öffentlichen Leben tätig sein können, da sie aufgrund ihrer Biologie schlicht nicht dazu in der Lage seien. Elliot Rodger schreibt in seinem Manifest, dass Frauen nicht mit ihrer Freiheit umgehen könnten und deswegen die patriarchale Kontrolle bräuchten. Interessant ist, dass weibliche Sexualität von Männern entweder als »tierisch« und »unkontrolliert« beschrieben wurde, dann wieder als »kalt« und »lustlos« – je nachdem, welches Narrativ gerade besser gepasst hat.

Laut dem Geschlechterforscher Rolf Pohl rührt die Angst vor und die daraus resultierende Begründung der Notwendigkeit der Kontrolle von weiblicher Sexualität daher, dass heterosexuelle Männer sich von ihrem Begehren Frauen gegenüber kontrolliert und bedroht fühlen: sie müssen sich Frauen zu eigen machen, um so dieser Kontrolle wieder Herr werden zu können. Und dann natürlich noch, dass sich eben Männlichkeit über die Abwehr des Nicht-Männlichen konstituieren muss; dass man sich also des Mann-Seins vergewissern kann, indem man andere durch Unterdrückung, Ausbeutung, Diskriminierung und Gewalt zu Nicht-Männern macht. Das betrifft nicht nur Frauen, sondern auch queere Menschen. Frauen sind »das Andere«, die Männer alleine schon qua ihrer Existenz auf all die Neurosen und Konflikte, die Mannsein so mit sich bringt, und die immer wieder aufs neue vor sich und anderen bewiesen werden müssen, zurück werfen, und man beweist sich dann dieses Mann-Sein, indem man ihnen Gewalt antut. Das bedeutet hegemoniale Männlichkeit in diesen beschissenen Verhältnissen nämlich: Nicht-Männern beweisen, dass man besser ist als sie. 

 In deiner Auseinandersetzung mit Incels taucht als Bezugspunkt immer wieder Klaus Theweleit auf, der in seiner Studie »Männerphantasien« vom »Fragmentkörper« und den »Nicht zu Ende Geborenen« spricht, unsicheren Männern, die sich bedroht fühlen vom Weiblichen. Welche Rolle spielt Theweleit für deine eigenen Analysen? Und was sind seine wichtigsten Thesen, die Du fruchtbar machen kannst?

 Theweleit ist mir so ein großes intellektuelles Vorbild, als ich gesehen habe, dass er einen Text von mir in der Neuauflage der »Männerphantasien« zitiert hat, habe ich vor Freude angefangen zu quietschen. Ich würde sagen, für meine Arbeit sind seine Thesen des »Fragmentkörpers« und die im »Lachen der Täter« ausgeführte »Protodiakrise« von Belang.

Theweleit beschreibt die »Nicht zu Ende geborenen Männer« als Menschen, die nie einen fertigen Subjektstatus entwickelt haben. Er vergleicht ihn anhand der Schriften der Kinderpsychologinnen Melanie Klein und Margaret Mahler mit dem Subjektstatus eines »psychotischen Kindes«, die permanent in »ständiger Angst hereinbrechender unlustvoller symbiotischer Zustände leben, aus denen sie sich nie richtig herausentwickeln können« (Theweleit). Diese  »Fragmentkörper« leben in ständiger Angst vor dem Zerfall. Alles, was um sie herum passiert, insbesondere alle Formen von Lebendigkeit oder Fremdheit, versuchen sie von sich fernzuhalten, zu kontrollieren, zu unterdrücken, weil diese sie »bedrohen«. Diese Männer leben in einem Zustand permanenter narzisstischer Kränkung durch die bloße Existenz des Anderen, sie fühlen sich andauernd bedroht, auf ihre eigene Ich-Schwäche zurück geworfen. Diesem drohenden Verfall muss mit Bestrafung bis hin zur Vernichtung begegnet werden, um sich selbst wieder als Mann fühlen, den »Körperpanzer« wieder anlegen zu können. Man muss jene, von denen diese Kränkung, nämlich die Erfahrung, trotz Hautfarbe oder Geschlecht nicht mehr die Krone der Schöpfung zu sein, sondern halt ein ganz normaler Versager wie so viele andere auch, bestrafen.

Incels sind zwar nicht diese soldatischen Männer, die Theweleit beschreibt, die »den Krieg kennen lernen bevor sie Frauen kennen«, und denen deshalb eine Ich-Entwicklung versagt bleibt; sie versagen sich diese meines Erachtens selber: indem sie sich in ihre Online-Echokammern zurück ziehen, sich einen Körperpanzer aus extrem toxischen Zynismus zulegen, und jegliche Empathie anderen gegenüber von sich abspalten. Incels steigern sich in eine krasse Selbstinfantilisierung, indem sie sich in der eigenen vermeintlichen Unmündigkeit, nichts an ihrer Situation ändern zu wollen, suhlen. Sie haben eine richtig ausgeprägte Ich-Schwäche, sind »Nicht zu Ende Geborene«.

Diese Selbstzurichtung, Emotionalität und Empathie von sich abzuspalten, ist für den Vorgang der sogenannten »Protodiakrise« unumgänglich: Täter müssen von sich selbst abspalten, dass es sich bei ihren Opfern um Menschen, um Subjekte handelt, so fällt ihnen die Tat leichter. Dies hat eben eine Selbstzurichtung zur Vorbedingung. Theweleit schreibt: »Protodiakrise bezeichnet den Daseinszustand von Menschen, die unter der Störung leiden, nicht zwischen tot und lebendig unterscheiden zu können« – und Incels haben Frauen, die als »hole«, »femoid« oder »toilet« tituliert werden, das Menschsein abgesprochen. »Er«, fährt Theweleit fort, »scheint den Übergang vom Lebenden ins Tote zu ‚lieben‘, er scheint es zu ‚lieben‘, diesen Übergang herzustellen. Es ist, als würden sie – denn die Männer handeln meist in Verbänden – sich des eigenen Lebens versichern, indem sie andere töten.« Incels malen sich in ihren Foren misogyne Vernichtungsfantasien aus; um sich über die vermeintlichen Kränkungen, die Frauen ihnen zugefügt haben, zu ermächtigen – das nennen sie »Lifefuel«, also: etwas was mir Lebensfreude gibt. Gerade diesen Begriff, »Lifefuel« halte ich ziemlich bezeichnend für das, was Theweleit als »Prododiakrise« bezeichnet.

 Welche weiteren Theoretiker*innen sind für deine Arbeit von zentraler Bedeutung?

 Neben Theweleit ist da der bereits erwähnte Rolf Pohl, der in seiner Schrift »Feindbild Frau« sozialpsychologisch analysiert, inwieweit sich heterosexuelle Männer von weiblicher Sexualität bedroht und kontrolliert fühlen, und diese deshalb beherrschen müssen. Kate Manne, die in »Down Girl« die Funktion von Misogynie beschreibt: als Kontrollmechanismus, um patriarchale Strukturen aufrecht zu erhalten. Ich halte die »Studien zum autoritären Charakter« von Theodor W. Adorno und Else Frenkel-Brunswick, und generell Literatur zur autoritären Persönlichkeit für eine gute Herangehensweise, um die konformistische Revolte, die Incels ja herbeisehnen, zu analysieren. Karin Stögner, weil sie das Verhältnis von Antifeminismus und Antisemitismus erforscht, was vielleicht nicht speziell bei Incels so wichtig ist, aber generell für eine Analyse der Neuen Rechten und Alt-Right – allerdings gingen Antisemitismus und Antifeminismus schon seit der Entstehung der Moderne Hand in Hand miteinander einher, man denke an Otto Weininger! Und natürlich Raewyn Connell, die in ihrem »Der gemachte Mann« binnenmännliche Gewalt über die Abwertung des »weniger« oder »anders« Männlichen erläutert. Letztendlich aber auch Klassiker wie Sigmund Freud oder Karl Marx, die zumindest immer mitschwingen, und vor allem deren feministische Weiterentwicklungen: Jessica Benjamin, oder eben marxistische Feministinnen. 

In »Sex Revolts« von Joy Press und Simon Reynolds versuchen die beiden die Musikgeschichte – wiederum auf Basis der Vorarbeiten von Theweleit in »Männerphantasien« – noch einmal gegen den Strich zu lesen und den Frauenhass herauszustellen, der der Rockmusik gewissermaßen strukturelle innewohnt. Sie zeigen auf die Frauenmordfantasien bei Nick Cave, den Sexismus der Stranglers oder die pädophilen Neigungen von David Bowie oder Iggy Pop und versuchen diesen Bildern psychoanalytisch auf den Grund zu gehen. Welche Rolle spielt die Popkultur, die ja ziemlich unreflektiert und direkt mit solchen Projektionen auf das Weibliche arbeitet, für die Entstehung der Incel-Ideologie?

 Kulturindustrie ist ja immer Ausdruck einer herrschenden Ideologie – auch wenn kulturindustrielle Produkte durchaus die Möglichkeit zur Subversion haben, Beispiele sind »Mad Max – Fury Road« oder die Pet Shop Boys. Wir leben in einem patriarchal strukturierten Kapitalismus, in dem patriarchale Ideologie auf allen Ebenen reproduziert wird, und Männer im Besitz der Produktionsmittel sind, also kulturindustrielle Produkte auf den Markt bringen. Und weil Männer sich nunmal eher für ihre eigenen Narrative interessieren als die von Frauen, und die Erzählungen von Frauen auch über Jahrhunderte hinweg aktiv unsichtbar gemacht wurden und immer noch werden, werden eben Männer-Stories auf den Markt geworfen, verkauft, besprochen, gefeiert. Bei Incels und generell dieser eher sich als »nerdig« bezeichnenden Online-Community spielt weniger Musik als Filme oder Videospiele eine Rolle. Gerade in den 80ern wurden Narrative wie die des romantisierten sexuellen Übergriffs, oder Männer, die einfach nicht locker lassen dürfen, um die Frau ihrer Träume zu bekommen, geprägt, die bis heute Wirkmächtigkeit haben – sei es die misogyne Fantasie »Revenge of the Nerds« oder sei es »The Big Bang Theory«. Der YouTube-Kanal »Pop Culture Detective« geht sehr detailliert auf diese Phänomene ein, ich empfehle seine Videos allen, die sich kritisch mit Popkultur und Geschlecht befassen wollen.

Videospiele bedienen immer noch sexistische Narrative wie die der »Damsel in Distress« und zeigen Frauen als großbrüstige Hintergrundobjekte. Die Kulturwissenschaftlerin Anita Sarkeesian hat sich kritisch damit befasst, und wurde Opfer einer gigantischen, unter dem Namen »Gamer Gate« bekannten Schmierenkampagne, die als Ursprung der Alt-Right gelten kann.  Auch die Rolle von Pornographie, die suggeriert, dass Frauen Männern sexuell einfach zur Verfügung stehen, darf nicht unterschätzt werden. Es wird eine sogenannte »Male Gaze« bedient, die den androzentrischen Blick als Normalität etabliert, und in der Frauen eben nur als Objekte vorkommen können.

 Du sprichst davon, dass die Kampagne gegen die Kulturwissenschaftlerin Anita Sarkeesian als Ursprung der Alt-Right gelten kann, also eine durch und durch antifeministische Kampagne. Vielleicht kannst du anhand dessen noch einmal erklären, wo die Verbindungslinien und Überschneidungen zwischen Incel-Szene und Alt-Right liegen, welche Bezugspunkte sie teilen und wo es vielleicht auch personelle Überschneidungen gibt. 

Während Antifeminismus in Online-Communities von 4chan bis 9gag schon immer irgendwie dazu gehörte – einerseits weil er gesamtgesellschaftlich dazugehört, andererseits aufgrund eines grundlegenden Missverständnis von Konzepten wie »Satire« oder »schwarzer Humor«, oder weil man bewusst moralische Grenzübertritte begehen will – hat »Gamer Gate« ihn auf eine unbekannte und brutale Spitze getrieben. Wortführer der Alt-Right wie Milo Yiannopolous oder Steve Bannon waren aktiv an Hasskampagnen gegen Frauen in der Videospielbranche beteiligt und sprachen von einem »Kulturkrieg«, der ausgefochten werde um eine feministische und männerfeindliche Agenda zu verbreiten.

Incels teilen sich zahlreiche ideologische Parallelen mit der Alt-Right, die in einem opferkultischen Verschwörungsdenken kulminieren, das besagt, dass der Feminismus – und die dahinter steckenden Juden der Frankfurter Schule – eine politische und kulturelle Hegemonie darstellt und der heterosexuelle weiße Cis-Mann, sobald er dagegen aufmuckt, direkt von der Political-Correctness-Polizei ins Feminismus-Gulag geschickt wird. Der glühende Antifeminismus der Alt-Right, der immer wieder in Shitstorms und Angriffe umschlägt, und stellenweise sogar in Verschwörungsideologien wie dem »Pizzagate« mündet – was dazu führte, dass ein bewaffneter Mann in einer Pizzeria um sich schoss, die einen von Hillary Clinton geleiteten Kinderporno-Ring beherbergen sollte (!) –, stieß bei ohnehin schon latent misoygnen und von dem Mangel an Dating-Erfolg frustrierten jungen Männern natürlich auf fruchtbaren Boden.

Die Alt-Right artikuliert sich antifeministisch, LGBTQ-feindlich, antisemitisch, rassistisch und gibt sich stellenweise inzwischen keine Mühe mehr, ihr faschistisches Denken zu verstecken. Das trifft auch auf den vor allem auf incels.coversammelten, radikaleren Flügel der Incels zu. Auf dem gemäßigten Forum »Incels without hate« teilt man zwar keine antisemitischen Verschwörungstheorien, aber auch dort wird eine maskulinistische Männerrechtsposition vertreten; man fühlt sich als Opfer von Feminismus und einer Gesellschaft, die die Bedürfnisse von Männern zu lange ignoriert hat. Ein weiterer Bezugspunkt ist die geteilte Meme Culture: Incels verwenden die klassischen Memes der Alt-Right wie »Pepe the Frog«; die Incel-Version nennt sich »Honkler«, trägt eine Clownsperücke und soll noch stärker die Sinnlosigkeit des Incel-Daseins unterstreichen. Sich intellektueller wähnende Incels empfehlen in Threads zu Literatur auch hin und wieder Ideengeber der Alt-Right wie Nick Land oder Mencius Moldbug, Vertreter des sogenannten »Neoreactionary Movement«.

Der bedeutende Unterschied ist jedoch: während die Alt-Right, wie auch organisierte Neonazis wie die Atomwaffen Division, aktiv eine Veränderung der Gesellschaft – entweder durch das Durchsetzen einer politischen und kulturellen Hegemonie wie die Alt-Right, oder rechten Terror wie akzelerationistische Gruppen – vorantreiben und sich alle Mühe geben, einer faschistisch-männlichen Soldatenrolle zu entsprechen, suhlen sich die meisten Incels lieber in ihrem imaginierten Elend und sind wesentlich depressiver und lethargischer. Zumindest, bis sie den »Elliot Rodger« machen, sich also zu einem Attentat entscheiden. Der Großteil der Alt-Right, wie auch deutsche Affiliierte wie die Identitäre Bewegung, haben für die eher weniger kämpferischen Incels übrigens größtenteils Verachtung übrig; deshalb gibt es recht wenige persönliche Überschneidungen. Herauszuheben ist jedoch Nathan Larson: Er ist White Supremacist, war Teil der von einigen Teilen der Alt-Right gewählten Libertarian Party, und forderte in seinem Wahlprogramm die Legalisierung von Inzest, Pädosexualität und Vergewaltigung. Er betrieb mehrere inzwischen geschlossene Incel-Foren, das letzte trug den Namen »Raping Girls is fun«. Aus dem incels.co-Forum wurde er übrigens verbannt; nicht weil er Vergewaltigung als naturgegebenes Recht postulierte, sondern weil er schon mal Geschlechtsverkehr hatte.

Die Alt-Right ist, ebenso wie die Neue Rechte in Europa, antifeministisch, antisemitisch und rassistisch, Incels sind antifeministisch mit Hang zu Antisemitismus. Über den Rassismus der Incel-Community haben wir noch nicht gesprochen, spielt das dort eine Rolle? Die Community ist ja vermutlich nicht sehr divers, oder?

Wider Erwarten ist sie es doch, zumindest wenn man einer Umfrage auf incels.co Glauben schenken mag: lediglich 55 Prozent der Befragten geben an, weiß zu sein, die anderen 45 Prozent sind ethnisch recht divers. Das ändert nichts daran, dass Rassismus, vor allem gegen Schwarze, innerhalb der Community virulent ist. Dies drückt sich auf mehreren Ebenen aus. Erstens haben wir einen sexualisierten Rassismus, der sowohl Männer als auch Frauen betrifft. »Chads« unterschiedlicher ethnischer Herkunft werden mit rassifizierten Namen benannt, der diese Herkunft benennen soll; arabische Chads heißen zum Beispiel »Chaddam«, asiatische »Chang Longwang«, schwarze Chads tragen den Namen »Tyrone« und werden in der Regel als Gangster oder Drogendealer dargestellt. Bei Frauen fallen Sexismus und kolonialrassistische Zuschreibungen auf nichtweiße Frauen zusammen. Schwarze Frauen werden als laut, unweiblich und triebhaft dargestellt, asiatische Frauen hingegen als die perfekte submissive Liebhaberin für den weißen Mann. Die meisten weißen Incels sind offen Rassisten oder White Supremacists, und diese geben sich auch Mühe, innerhalb der Foren ihre rassistische Ideologie weiter zu verbreiten und andere davon zu überzeugen. Nichtweiße Incels hängen außerdem einem internalisierten Rassismus an und bezeichnen sich beispielsweise bei indisch-pakistanischer Herkunft selbst als »Currycel«. Sie sind der Ansicht, Frauen würden keine Beziehungen mit ihnen beginnen, da ausnahmslos Frauen Rassismus internalisiert hätten, und nur weiße Männer attraktiv finden würden. Es ist durchaus der Fall, dass in rassistischen Gesellschaften sich ein internalisierter Rassismus auf Schönheitsideale auswirkt, aber wie alles in der Incel-Ideologie wird ein Körnchen Wahrheit, das sich anhand einer kritischer Gesellschaftstheorie begründen lässt, auf eine wahnhafte Spitze getrieben. Und während nichtweiße Incels diesem Glauben anhängen, vertreten weiße Incels wiederum die klassische Nazi-These, dass Frauen schwarze oder arabische Männer begehren, die natürlich nichts anderes sind als eine rassistisch und sexualisiert aufgeladene Projektionsfläche für die eigenen Sexualneurosen.

Und ganz konkret: Wie haben denn Maskulinisten, Incels und Konsorten auf z.B. die gesellschaftlichen Debatten um die Silvesternacht in Köln 2015/16 reagiert? Vermutlich anders als auf Zahlen zu häuslicher Gewalt in Deutschland…

In Bezug auf Incels speziell lässt sich auf die Silvesternacht recht wenig sagen, da deutschsprachige Debatten in den Foren nur am Rande geführt werden. Da bei Incels antisemitische Verschwörungstheorien, ein elimatorischer Frauenhass und Schadenfreude über weibliches Leid zusammenkommen, vermutlich folgendes: Natürlich sind jüdische Kräfte daran Schuld, dass geflüchtete Männer nach Europa kommen, und hier den »Großen Austausch« vollziehen, wozu zählt, dass sich nichtweiße Männer an der weißen Frau vergehen. Beide dienen hier natürlich als stellvertretende Projektionsflächen – der arabische Mann als jemand, dem man eine vermeintlich noch nicht durch die PC-Lobby verweichlichte, »ursprüngliche«, patriarchale Sexualität neidet, die weiße Frau als Stellvertreterin der deutschen Nation, die man zu schützen hat, nur um ihr nachher selbst sexuelle Gewalt anzutun, selbstverständlich, denn eigenständige Sexualität hasst man nun einmal. Bei Incels kommt jedoch dazu: sie hassen Frauen so sehr, dass sie sich immer darüber freuen, wenn ihnen Gewalt angetan wird. Diese Frauen sind in der Regel selbst daran Schuld, dass sie sich in der Öffentlichkeit bewegen, auf Partys gehen, oder von einem Dating-Partner unter Drogen gesetzt und vergewaltigt werden. Und sie haben es auch nicht besser verdient. Hinzu kommt, dass Incels der Ansicht sind, dass das triebhafte und hypergame Weib, das seit ihrer Pubertät regelmäßig Sex mit Chads hat, gar nicht vergewaltigt werden kann – es ist nur ein weiterer Penis, so schlimm wird es nicht sein. Oder sie empfindet tatsächlich Freude daran, von Chaddam vergewaltigt zu werden, weil dies in der weiblichen Natur liegt. Nur eines kommt nicht vor: Empathie mit Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren haben.  

Du hast mit »Big Bang Theory« eine der erfolgreichsten Sitcoms der letzten Jahre ins Spiel gebracht, die ja mit dem Motiv eines Mannes spielt, der aufgrund seiner Nerdhaftigkeit bei seiner Idealfrau – die selbstverständlich blond ist und auch sonst allerlei Projektionen entspricht – zunächst nicht landen kann, sich ihr dann aber so lange aufdrängt, bis sie schließlich nachgibt. Was zeigt das für eine Entwicklung? Sind Incels gesellschafts- oder zumindest serienfähig geworden? Oder sind Fragen, die vorher nur auf Incel-Foren diskutiert wurden, Themen eines größeren Publikums, das nun als Zielgruppe in den Blick genommen wird?

Ich würde sagen, »Jein«. Positionen wie »Frauen stehen nur auf attraktive Arschlöcher und nicht auf hässliche Nerds wie mich« sind ja leider wesentlich weiter verbreitet als in der Incel-Szene. Deren Reaktion, Frauen für ihre »Hypergamie« bestrafen zu wollen, ist leider auch nicht nur auf diese Szene beschränkt. Ich würde viel mehr sagen, dass eine abgeschwächte Form von Incel-Positionen, nämlich das Anspruchsdenken, einem stünde eine Frau zu und man müsse sie nur so lange zermürben, bis sie mit einem ausgeht, um dann doch festzustellen, dass dieser übergriffige Nerd ihr Traummann ist, integraler Bestandteil einer patriarchalen Gesellschaft und Sozialisation sind. Da ist für mich gar keine Entwicklung dahinter, es ist nur die moderne kulturindustrielle Ausprägung von »Mir steht eine Frau zu, und ich weiß besser als diese Frau, was sie will«. Ich denke auch, dass eine nicht explizit feministische Beschäftigung mit Incels diese oft als Einzeltäter, schwarze Schafe, ganz anders als den normalen Durchschnittsmann darstellt, um zu verdrängen, dass man doch mehr gemein hat als einem lieb ist. Ich bezweifle, dass jeder der Männer, die auf meine Ablehnung mit wüsten misogynen Beschimpfungen, die bis zur Vergewaltigungsandrohung gingen, ein Incel war.

Für welche gesellschaftliche Entwicklung steht diese Feststellung insgesamt? Für einen antifeministischen Backlash?

Hedwig Dohm schrieb ihr Buch über Antifeministen vor mehr als hundert Jahren, und es ist erschreckend aktuell. Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhundert begann sich ja die Frauenbewegung zu organisieren; Frauen forderten gleichen Lohn, Wahlrecht, das Recht auf Abtreibung, den Schutz vor sexueller Gewalt, die Möglichkeit zu besserer Ausbildung – Punkte, für die wir immer noch streiten müssen! Da ein patriarchal strukturierter Kapitalismus einerseits auf der Ausbeutung von Frauen in der Reproduktionssphäre und als schlechter bezahlte Kräfte in der Produktionssphäre, andererseits auf der konstanten Abwertung alles weiblich Konnotierten (sowohl im Privaten, als auch im Beruf; Care-Arbeit wird ja so schlecht bezahlt weil es weiblich konnotierte Arbeit ist) basiert, ist ein Infragestellen oder gar aktives Angreifen dieser Strukturen aktiv unterbunden worden. Wir haben ja schon über Misogynie als Mittel gesprochen, um Frauen in die Schranken zu weisen, Antifeminismus trägt das auf eine politische Ebene. Feministische Bestrebungen wurden schon immer aktiv bekämpft, da Cis-Männer um den Verlust ihrer Hegemonie fürchten. Ich würde also nicht sagen, dass es sich um einen Backlash handelt, sondern um Ausdruck einer reaktionären Politik, die so alt ist wie die Frauenemanzipation selbst. Es ist und war der Kampf gegen die „Bedrohung“, Frauen nicht mehr beherrschen zu können, also sich nicht mehr aufgrund des Mannseins über Frauen oder queere Menschen erheben zu können. Das einzige, was Otto Weinigers Behauptung, dass Frauen alle irrationale Gören sind, die nicht denken können und dass der Jude hinter dem Feminismus steckt, davon unterscheidet, dass ein Reddit-User »feminism_is_cancer« schreibt und dass der Kulturmarxismus Frauen zum Feminismus verführe, obwohl die besser hinter dem Herd aufgehoben sind, sind 115 Jahre. Inhaltlich ist es der immergleiche Rotz.

 Trotz aller realen Brutalität sind Incels ja vor allem ein Internetphänomen, man tauscht sich in Foren aus über die Ungerechtigkeit, die einen gefühlt widerfährt und sucht Bestätigung für die eigenen Gewaltphantasien. Wie ist das denn historisch einzuordnen, sind Incels erst durch den Austausch übers Netz möglich geworden, oder sind sie dadurch einfach sichtbarer, während sie vor 40 Jahren andere Formen der Kommunikation hatten?

Ich mache ja gerne den Witz, dass die Figur des Pygmalion aus den Ovid-Sagen der Ur-Incel sei. Pygmalion war ein Frauenhasser allerersten Gütegrades, und schuf sich, da er keine Frau um sich haben wollte, eine Marmorstatue seines idealen Weibes, die irgendwann von Venus dann in eine reale Frau verwandelt wurde. Das erinnert schon sehr an Incels, die sagen: »Ich wünschte, meine Waifu [ein idealisierter weiblicher Charakter aus einem Anime] wäre real!«

Aber Spaß beiseite. Meines Erachtens sind Incels das Resultat dreier Faktoren: der Krise der Männlichkeit, Neoliberalismus, und durchaus auch das Internet. Die Krise der Männlichkeit resultiert aus einer Gesellschaft, in der das Bild traditioneller Männlichkeit zunehmend hinterfragt oder sogar obsolet wird. Anstatt diese Entwicklung zu begrüßen, wünscht man sich diese hegemoniale Männlichkeit zurück, obwohl die Männern selbst ja auch unglaublich toxisch und gewaltförmig gegenüber ist. Incels betrachten sich allerdings, aufgrund ihres Aussehens, schon von vornherein von der hegemonialen Männlichkeit ausgeschlossen, ich würde jedoch ausgehend von der Geschlechterforscherin Raewyn Connell sagen, dass sie zu den »komplizenhaften Männlichkeiten« zählen; also Männer die Steigbügelhalter des Patriarchats sind; dieses affirmieren sie ja in ihrem Frauenhass (Incels sollten meines Erachtens generell mal Connell lesen um zu realisieren, dass sie viel besser dran wären patriarchale Zurichtung von Jungen und Männern zu kritisieren, anstatt Frauen zu hassen). Jedenfalls artikuliert sich die regressive Antwort auf »Krise der Männlichkeit« darin, dass man sich nach einer Gesellschaft sehnt, in der einem das Eheweib wieder klaglos das Essen auf den Tisch stellt und ihre sexuellen Pflichten verrichtet, anstatt auf so dumme Ideen zu kommen, wie über ihren eigenen Körper bestimmen zu wollen.

Dann ist da der Neoliberalismus und eine daraus resultierende Kränkung durch den eigenen Narzissmus: dies bedeutet im Großen und Ganzen, im Alltag der kapitalistischen Verwertungsgesellschaft permanent damit konfrontiert zu sein, die eigenen Bedürfnisse zu unterdrücken und sich selbst so begeistert wie möglich der ideologisch vermittelten Selbstoptimierung zu verschreiben. Scheitert man jedoch daran, diesem narzisstischen Idealbild (hier: dem Chad) zu entsprechen, so kann als Kurzschlussreaktion dazu übergegangen werden, das individuelle Selbst gänzlich aufzugeben und an dessen Stelle eine äußere Autorität treten zu lassen. Hier greifen wieder die massenpsychologischen Momente, sich selbst einer realen oder imaginierten Gemeinschaft einzuverleiben, welche einen Ausweg aus der eigenen unbedeutenden Existenz im kapitalistischen verspricht. Theodor W. Adorno schreibt in den »Bemerkungen über Politik und Neurose«: »Die auf den Kastrationskomplex zurückweisende Ich-Schwäche [...] sucht Kompensation in einem allgegenwärtigen, aufgeblähten und dabei doch dem eigenen schwachen Ich tief ähnlichen Kollektivgebilde«; also in unserem Falle die Incel-Community. Während klassische Männerbünde wie Burschenschaften oder die Armee oder die faschistische und maskulinistische Organisation der Proud Boys eine Ermächtigung gegen die permanente Erniedrigung, nur ein unbedeutendes Rädchen im kapitalistischen Getriebe zu sein, versprechen, bietet der Männerbund Incels diese nur ambivalent. Einerseits suhlt man sich masochistisch in der Vorstellung, von allen gehasst und verachtet zu werden, weil man nicht wie Chris Evans aussieht, andererseits behauptet man permanent, zu den wenigen Aufgeklärten zu zählen, und die Welt in all ihrer Bösartigkeit durchschaut zu haben. Aber sich als Teil dieses verschworenen Bundes zu fühlen, ist durchaus eine Reaktion auf das Scheitern an den Ansprüchen des Neoliberalismus; und das Kokettieren mit dem Versagerstatus kann durchaus als trotziger Mittelfinger interpretiert werden: »Ich bin kein erfolgreicher Chad, sondern ein hässlicher NEET (Not in employment, education, or Training), aber dafür weiß ich im Gegensatz zu euch Normies, wie der Hase läuft und verachte euch für eure Ignoranz!«

Und während solche Männer, die in dieser neoliberalen Gesellschaft dann tragischerweise vereinzelt und somit alleine gelassen über ihren Neurosen brüten anstatt ein solidarisches und kritisches Umfeld zu haben, das ihnen vor Augen hält, wie toxisch und infantil ihre Ideologie ist, früher dann doch eher alleine blieben, bietet ihnen das Internet jetzt einen Ort, um sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Bei Incels ist das dann eine toxische Echokammer, in die verunsicherte Jungen hinein rutschen und sich diese zerstörerische Ideologie aneignen, in der sich die User selbst immer wieder bestätigen. Ein ehemaliger Incel schreibt in einem Aussteigerforum konkret davon, dass diese Foren wie eine Droge auf ihn gewirkt haben, er süchtig nach dieser negativen Selbstbestätigung in der Form von »Du bist hässlich, Frauen werden dich nie lieben, deshalb musst Du sie hassen« war. Und wer diese Online-Echokammer hat, braucht ja auch kein real existentes Umfeld mehr. Es ist so wichtig, dass Incels lernen, Menschen, und vor allem Frauen, nicht als Projektionsflächen zu betrachten sondern als Subjekte; und das kann nur passieren, wenn sie diese Foren verlassen.

Die britische Journalistin und Feministin Angela Nagle schreibt in ihrem Buch »Kill all Normies« (Deutscher Titel: »Die digitale Gegenrevolution«), dass sich antifeministische und maskulinistische Ansichten vor allem vor dem Hintergrund der Liberalisierung der Genderpolitik erklären lassen, als eine Form von Gegenmodell. Sie spricht der Radikalisierung linker Identitätspolitik sehr direkt eine Verantwortung für die Entstehung der Incel-Ideologie und des Antifeminismus der Alt-Right zu. Wie schätzt du diese Perspektive ein?

Das ist einer meiner großen Kritikpunkte an Nagle, die ihrem Buch dem sogenannten »Tumblr-Liberalismus« ein ganzes Kapitel gewidmet hat, in dem sie sich über ein paar queere Blogger*innen im Teenager-Alter mokiert. Nagle baut eine Strohpuppe empörter Internet-Linker auf, die sie so falsch wie generalisierend als die hegemoniale Stimme in einem feministischen Diskurs inszeniert. Sie suggeriert, dass die Auseinandersetzung mit »Nebenwidersprüchen« wie die Debatte um Transgender-Rechte und Identitätspolitik einfach inzwischen zu weit gegangen sei, und Provokationen der Alt-Right durch ihre Infantilität und Weltfremdheit geradezu herausgefordert hätte. In Zeiten, in denen in mehreren republikanischen Staaten transfeindliche Gesetze erlassen werden und LGBTQ-Hassverbrechen einen dramatischen Anstieg erfahren haben, sind solche Aussagen nicht nur ignorant, sondern gefährlich. Anstatt solidarische Kritik an Identitätspolitik, die nicht nur in den USA durchaus stellenweise fragwürdige Züge trägt – mir fallen spontan die Verteidigung von weiblicher Genitalverstümmelung als »kultureller Praxis« ein, oder dass das Kapitalverhältnis als Unterdrückungsverhältnis zunehmend ignoriert wird – zu üben, verfällt sie einer Reproduktion des transfeindlichen »My gender is an attack helicopter«-Meme. Auch deklarierte sie einen Protest gegen einen Vortrag des rechten Bloggers Milo Yiannopoulos als Angriff auf die freie Meinungsäußerung, unterschlägt aber, dass der Quotenschwule der Alt-Right angekündigt hatte, auf der Veranstaltung illegalisierte Migrant*innen namentlich zu outen – dass sie vor dem Verbreiten von Halbwahrheiten nicht zurück schreckt, um ihr Feindbild »Diese verrückten neuen Linken« aufzubauen, ist bedenklich.

Klar, diese Tumblr-Linke IST stellenweise infantil. Aber größtenteils sind es Jugendliche, die sich über Sexualität und Geschlechtsidentitäten austauschen, oftmals auch, da sie keine andere Möglichkeit haben, es anderswo zu tun. Das ist normal, und damit stören sie niemanden, geschweige denn haben sie die ihnen angedichtete politische Wirkmächtigkeit. Wenn man Kritik üben sollte, dann an ihrem stellenweise recht toxischen Umgang untereinander, aber nicht auf die zynische und herablassende Art von Nagle. Das Ding ist: die radikale Rechte HASST Marginalisierte, die um Sichtbarkeit kämpfen, egal auf welche Art und Weise sie das tun. Nehmen wir Anita Sarkeesian als Beispiel: sie argumentiert sachlich und unaufgeregt, und ist trotzdem ein Feindbild. Ich würde ja sagen dass diese Behauptung der Rechten, Linke seien »Special Snowflakes, die von allem getriggert sind« Projektion ist: ich meine, diese Leute regen sich bereits darüber auf, dass man in Videospielen homosexuelle Beziehungen eingehen kann!

Indem der Strohpuppe »Tumblr-Linke« die Schuld für den Aufstieg der Rechten in die Schuhe geschoben wird, ignoriert sie die tatsächlichen Gründe: gekränkte Männlichkeit, gekränktes weißes Herrschaftsdenken, der Wunsch nach der konformistischen Revolte … Gute Kritik an Nagle haben unter anderem die Blogger*innen Eve Herzing und Josh Davies verfasst.

Womit Nagle in meinen Augen richtig liegt, ist ihre Analyse, dass die Strategien und die Ästhetik linker Gegenkulturen von der Neuen Rechten, zu denen sie die Incels in ihrem Buch subsumiert, erfolgreich gekapert worden sind, deren Meme-Kultur heute gewissermaßen die Avantgarde gegenkultureller Strategien darstellt. Ihre Konsequenz daraus ist, die Werte der Gegenkulturen zu beerdigen. Hat eine linke, feministische Gegenkultur tatsächlich ausgedient oder siehst du irgendwo durchaus erfolgreiche Strategien gegen die rechte gegenkulturelle Hegemonie?

Wir müssen uns vor Augen halten, dass auch diese linke Gegenkultur, die in den Sechzigern begründet wurde, oftmals misogyne Züge trug. In den »U-Comix« zum Beispiel war frauenfeindliche Gewalt etwas Omnipräsentes, sich linksintellektuell und kritisch gebende Magazine wie der »Playboy« und der »Hustler« haben ihr Image auf der selbstverständlich erscheinenden Ausbeutung von Frauen aufgebaut. Sowas lässt sich natürlich leichter adaptieren als eine konsequent feministische gegenkulturelle Ästhetik. Ich würde zudem auch sagen, dass die Aneignung von gegenkultureller Ästhetik, schon bevor es die Alt-Right getan hatte, in der Kulturindustrie angelegt war, um subversive Inhalte zu entwaffnen und zu kommerzialisieren – Stichwort Punk. Die Alt-Right war lediglich besonders erfolgreich darin, diese verschwörungsideologische Lüge eines linksliberalen und spießigen Mainstream, den man am besten mit dem Verwenden des N-Worts und frauenfeindlichen Memes schockieren kann, zu verbreiten – obwohl man mit Rassismus und Misogynie bei der gesellschaftlichen Mehrheit ja durchaus noch recht gut ankommt, leider. Die Stärke der Alt-Right ist es ja, ihren Anhängern zu suggerieren, sie seien Rebellen gegen das Establishment, eben ganz im Sinne dessen was Theodor Adorno als »konformistische Revolte« analysiert hat. 

Aber das bedeutet nicht, dass wir eine feministische, kommunistische Gegenkultur aufgeben sollen! Gerade in Zeiten wie diesen sind Inhalte, die über die bestehenden Verhältnisse hinaus weisen, von besonderer Wichtigkeit. Zudem ist diese Ästhetik ja auch immer von ihren Schöpfer*innen abhängig und somit einem beständigen Wandel unterworfen. Es werden ja auch immer wieder neue, subversive Ästhetiken erfunden und etabliert: die junge linke Transgender-Community auf Reddit arbeitet mit Anime-Referenzen, sozialistischen Symboliken und Vaporwave-Ästhetiken, um stellenweise sehr obskure Memes anzufertigen. Memes sind ja nicht nur Instrument, um Inhalte zu vermitteln, sondern gerade in marginalisierten Online-Gruppen Möglichkeit eines Ausdrucks von Gefühlen; oder sie können als Polemik gegen die herrschenden Verhältnisse fungieren. Jedenfalls sollte man sich von den Rechten nicht eine gegenkulturelle Ästhetik madig machen lassen.

Die Covid-19-Pandemie hat ja auch deutlich gemacht, dass es vor allem Frauen sind, die – meist schlecht bezahlt ­ in der Versorgung von Kranken und in der Pflege arbeiten. Ein Aspekt dessen, was du als den »patriarchal strukturierten Kapitalismus« umschrieben hast. Kate Manne spricht in »Down Girl. Die Logik der Misogynie« davon, diese sei ein Mittel, die »patriarchale Ordnung, verstanden als ein Strang unter diversen ähnlichen Herrschaftssystemen (Rassismus, Xenophobie, Klassendenken… ), aufrechtzuerhalten«.Wie hängt das zusammen: Die Logik der Misogynie und der Kapitalismus?

Ich begreife Kapitalismus auf zwei Ebenen, die sich einander bedingen und gegenseitig reproduzieren: als Ideologie und als konkretes Herrschaftssystem, das auf Ausbeutung basiert. Im Kapitalismus existieren die männlich konnotierte Produktionssphäre, also Lohnarbeit, und die weiblich konnotierte Reproduktionssphäre, also Hausarbeit. Da Frauen inzwischen zunehmend auch berufstätig sind, aber immer noch ein Großteil der Hausarbeit leisten, sind sie nach der Soziologin Regine Becker-Schmidt von der sogenannten »doppelten Vergesellschaftung« betroffen. Einerseits werden sie als potentielle Produzentinnen von Mehrwert, also als Lohnarbeiterinnen ausgebeutet, andererseits als Frauen, die unbezahlte Reproduktionsarbeit leisten. Also: Hausarbeit, Kinderbetreuung, etc. Im patriarchal strukturierten Kapitalismus ist es selbstverständlich, dass Frauen das halt machen, ohne dafür bezahlt zu werden! Laut einer Studie der Stiftung Oxfam leisten Frauen und Mädchen weltweit jeden Tag mehr als zwölf Milliarden Stunden unbezahlter Arbeit. Würde man das selbst auch nur mit Mindestlohn zahlen, dann wären das über elf Billiarden (!!) US-Dollar im Jahr. Auch weiblich konnotierte Arbeit wie Pflegeberufe werden unterdurchschnittlich bezahlt. Das suggeriert: Reproduktionsarbeit ist a) weniger wert als, was weiß ich: an einem Auto herumschrauben, und b) etwas, was Männern selbstverständlich zusteht. So wird das, was Frauen permanent leisten, abgewertet, was wiederum dazu beiträgt, dass Frauen an sich abgewertet werden; gerade in einer Gesellschaft, in der Vermögen und sozialer Status so eng miteinander verknüpft sind. Manne schreibt auch, dass diese vermeintliche Selbstverständlichkeit von Care-Arbeit, die man schon von Müttern, Kindergärtnerinnen, etc. erfährt, dazu führt, dass Männer anschließend von Frauen erwarten, dass sie ihnen diese Zuwendungen entgegen bringen, und können es nicht ertragen, wenn das nicht der Fall ist. Dieses ganze System bedient patriarchale Bedürfnisse!

Gleichzeitig sorgen immer noch präsente sexistische Stereotype über Frauen (wie: Frauen denken emotionaler als Männer) und männerbündische Strukturen in Betrieben dafür, dass die »gläserne Decke« weiter bestehen bleibt, also dass Frauen von Machtpositionen im Erwerbsleben ausgeschlossen bleiben. Noch immer sind Frauen in Führungspositionen unterrepräsentiert, gerade in großen Betrieben. Dies liegt daran, dass der Kapitalismus aus dem ebenfalls patriarchalen Feudalismus gewachsen ist, und Männer im Besitz der Produktionsmittel sind, und demzufolge auch über gesellschaftliche Herrschaft in Form von Kapital verfügen, was Frauen über Jahrhunderte hinweg verwehrt blieb (ein sehr lesenswerter Text dazu ist übrigens Heidi Hartmanns »Eine unglückliche Ehe«). Die Forderung von »mehr Frauen in Chefetagen« ist allerdings auch eine verkürzte, da das kapitalistische Ausbeutungsverhältnis ja nach wie vor bestehen bliebe, und proletarische Frauen nur mäßig davon profitieren, sich für eine Chefin statt einen Chef krumm ackern zu müssen.

Kate Manne sagt auch, misogyne Strukturen fänden sich quer durch alle gesellschaftlichen Schichten und Milieus, in unterschiedlichen Formen. Auch in ihrem eigenen, akademisch geprägten Umfeld habe Misogynie die Funktion, »gesellschaftliche Rollen durchzusetzen und zu überwachen und moralische Güter und Ressourcen von Frauen zu bekommen«; Ressourcen wie Trost, Fürsorge, Pflege, Sex. Wie ist der soziale Background von Incels, gibt es dazu irgendwelche Daten? Und welche Rolle spielt dieser Background bei der Begründung der eigenen Ideologie?

Obwohl Incels mit ihrem »Loserstatus« kokettieren, handelt es sich bei ihnen mitnichten ausnahmslos um irgendwelche dicken Nerds, die mit Mitte 30 im Keller ihrer Eltern leben und nicht arbeiten. Laut einer Umfrage auf incels.co vom Oktober 2019 sind drei Viertel der Befragten entweder berufstätig oder Schüler/Studenten. Die Hälfte der User gibt an, eine »positive« oder »neutrale« Kindheit gehabt zu haben, auch pflegt die Hälfte der User nach Selbstangaben freundschaftliche Beziehungen. 59 Prozent der User zählt sich zur Mittelklasse, während 34 Prozent sich zum Proletariat, und der Rest zur Bourgeoisie zählt –auch wenn Incels andere als marxistische Termini verwenden. 69 Prozent der User geben an, bei ihren Eltern zu wohnen, aber der Großteil der User sind auch unter 25 Jahre alt: die Gruppe der 18- bis 21-Jähigen macht mit 31,3 Prozent den größten Anteil aus. Kurz: Incels sind ein Querschnitt durch die komplette Gesellschaft, gerade auch weil Misogynie sich überall findet. Es ist mitnichten so, als sei Incel-Denke ein Problem bestimmter Milieus, toxische Männlichkeit ist omnipräsent, auch wenn sie in unterschiedlichen Formen auftritt. Elliot Rodger wuchs übrigens in ausgesprochen privilegierten Verhältnissen auf.

Klaus Theweleit schreibt im Nachwort zu »Männerphantasien«: »So lange in der männlichen Imagination (egal welcher Länder) die Koppelung von ›Keine-Arbeit-haben‹ und ›Entmannt-Sein‹ die Körpervorstellungen dominiert, wird das giftige Alt-Öl sogenannter ›Traditionen‹ noch lange die Rohre verranzen und weiter oben schwimmen auf den Wassern der gewünschten Evolution«.Damit spricht er ja einen verwandten Sachverhalt an: Solange das männliche Selbstbild in einem so hohen Maße mit der eigenen Arbeit verknüpft ist, bleibt auch die Überwindung der angstbesetzte Wahrnehmung der Körper des »anderen Geschlechts« durch die »soldatischen Männer« eine Utopie. Spielt dieses Selbstbild für Incels eine Rolle?

Incels sind durchaus Resultat dessen, was großflächig »Krise der Männlichkeit« genannt wird. Diese Krise ist darin zu verorten, dass traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit – glücklicherweise – ins Wanken geraten; diese klassische »Mann als Versorger«-Rolle ist ja de facto so nicht mehr existent. Dies führt bei vielen Männern dazu, dass sie, anstatt diese Änderungen zu umarmen und anzuerkennen, wie toxisch diese Vorstellungen hegemonialer Männlichkeit auch ihnen selbst gegenüber sind, in tiefe Unsicherheiten verfallen. Das Wanken des Patriarchats erklärt man sich verschwörungsideologisch damit, dass sowohl der Feminismus als auch neue Männlichkeitsvorstellungen eine jüdisch-marxistische Erfindung seien, um letztendlich nichts geringeres als die Vernichtung der weißen Rasse zu erreichen. Maskulinisten, die diesem Wahnbild anhängen, sind der Ansicht, die Gesellschaft würde Männer verweichlichen und wollen sich wieder ein Bild traditioneller, soldatischer Männlichkeit zurück erobern; sie lesen Jack Donovan, haben »Fight Club« nicht verstanden und gerade deshalb zu ihrem Lieblingsfilm erklärt, haben die Jagd als Hobby entdeckt und wollen Frauen lediglich als Hausfrau und Mutter anerkennen. Incels sind jedoch der Ansicht, dass ihnen dieses Bild des soldatischen Mannes im Alltag gar nicht möglich ist, sie betrachten sich am unteren Ende der Männlichkeitskette, weit abgeschlagen vom männlichen Ideal. In einer Gesellschaft, die dermaßen »cucked« ist, und in der Frauen nur Chads begehren, ist die Rolle des Ernährers für Incels nicht vorgesehen; weshalb sie, anders als Männerrechtler, den Kampf um eine Rolle als patriarchales Familienoberhaupt schon zu Beginn verloren haben, und ihn gar nicht mehr ausfechten wollen. Das war früher, als die Welt noch nach dem Prinzip des »Looksmatching« aufgebaut war, also auch einem unattraktiven Mann eine Frau zustand, und unattraktive Frauen sich noch nicht ausschließlich Chads an den Hals warfen, anders, doch diese Zeiten sind inzwischen vorbei. Das ist natürlich dem Feminismus geschuldet. Incels kokettieren ja mit ihrem Versagerstatus, was meines Erachtens auch eine Form von Copingmechanismus ist. Dieser kann nur total aufgehoben werden, im Suizid oder im misogynen Terrorakt, der ja auch eine Form der Soldat-Werdung, und die einzige Form der Mannwerdung, die sich ein Incel vorstellen kann, ist.

Ein Ziel ist die »Incel Rebellion«, was genau muss man sich darunter vorstellen? Dass alle Incels gemeinsam losschlagen? Um was genau zu tun?

Der Attentäter von Toronto, Alek Minassian, schrieb kurz bevor er mit einem Sprinter in eine Menschenmenge raste auf Facebook »The Incel Rebellion has already begun! We will overthrow all the Chads and Stacys!« In seiner Vernehmung mit der Polizei erklärte Minassian: »Es ist quasi eine Bewegung wütender Incels wie ich einer bin, die nicht in der Lage sind Sex zu haben, und deshalb wollen wir die Chads stürzen, was Stacys dazu zwingen würde sich mit Incels zu paaren«. Es geht, laut Minassian, darum, »bestimmte Angriffe auf die Gesellschaft zu verüben, mit dem Ziel, an deren Grundgerüst zu rütteln, und alle Normies in Panik zu versetzen« – damit gleichen sie den rechtsterroristischen Akzelerationisten. Diese wollen durch Terrorakte die Gesellschaft ins Chaos stürzen und anschließend einen Bürgerkrieg anzetteln, um im Zuge dessen einen faschistischen, weißen Ethnostaat zu etablieren. Ähnlich bei Incels: es geht schlicht und ergreifend darum, Attentate zu verüben und die als zu feministisch und liberal wahr genommene Gesellschaft regressiv aufzuheben. Anschließend soll eine Incel-Idealgesellschaft aufgebaut werden, in der Frauen nichts anderes sind als rechtlose Objekte, über die man sexuell verfügen kann. Elliot Rodger wollte Frauen sogar ganz vernichten; er schrieb von »Konzentrationslagern«. Ein paar müssten allerdings in geheimen Untergrund-Bunkern gefangen gehalten werden, um Kinder zu gebären – selbstverständlich würde man jedoch nur Söhnen ein Leben in Elliot Rodgers Idealwelt gestatten, Frauen dürften würden durch ihre Sexualität diese homophile Idylle nur stören. Die Incel-Rebellion ist ein Kampf gegen die Moderne und all ihre Bedrohungen, allen voran eben Frauen, von denen man sich derart verfolgt fühlt, dass man dieser Bedrohung nur mit Vernichtung begegnen kann.

Die Incel-Ideologie trägt viele verschwörungstheoretische Züge, was ist denn die Sichtweise der Community auf die aktuelle Situation um Corona?

Ein paar User auf incels.co vertreten die von 8kun bis von Xavier Naidoo vertretenen Thesen des rechten Verschwörungsideologien Q-Anon, nach denen Corona etwas Menschengemachtes ist, und verfallen auch gerne mal in antisemitische und rassistische Behauptungen – die Juden stecken dahinter, Roma sind Schuld an der Verbreitung des Virus. Aber prinzipiell findet man Corona richtig gut. Endlich sind Incels nicht mehr die einzigen Opfer auf diesem Planeten, endlich geht es anderen auch schlecht. Incels ergießen sich gerade voller Schadenfreude darüber, dass Hochzeiten oder Sportevents ausfallen, da nun auch Chads, Stacies und Normies ein Leben in Isolation und ohne Sex fristen müssen.

Vor allem erfreut man sich daran, dass gerade häusliche Gewalt einen massiven Anstieg erfährt: Frauen hätten es verdient, von ihren Partnern erwürgt und verprügelt zu werden – weil es sind Frauen.

Große Begeisterung erfährt auch, dass mehrere Staaten gerade die Lage nutzen, um reaktionäre Gesetzgebungen durchzupressen: in Polen oder einigen US-Staaten wird Abtreibung zunehmend illegalisiert, in Ungarn wurde das transfeindliche Gesetz erlassen, nur noch das bei Geburt zugeordnete Geschlecht in Dokumenten verzeichnen zu dürfen. Das findet eine Community, die auf Frauenhass aufgebaut ist, und bei der ein großer Teil der Mitglieder ausgesprochen transfeindlich ist, natürlich richtig klasse. 

Aber für Incels kann Corona auch Hoffnung bieten. Denn die Krise könne zu einem massiven »Blackpilling« der heterosexuellen männlichen Bevölkerung führen: In Zeiten der Quarantäne steigt, so die These, die Popularität von Datingapps wie Tinder, was dazu führt, dass Frauen zunehmend wählerischer werden. Daraus folgt logischerweise, dass der Prozentsatz der Chads, der die sexuelle Verfügungsgewalt über Frauen hat, zunehmend kleiner wird und die bisher noch erfolgreichen »Chadlites« leer ausgehen, da Frauen nur Gigachad genügen kann, dem sie sich dann in einem gigantischen »Fuckfest« hingeben werden. Gleichermaßen werden diese nun verschmähten Männer das Potential sehen, sich der Blackpill zu verschreiben und »dementsprechend handeln« – eventuell wohnt Corona also auch der Beginn der »Incel Rebellion« inne. 

 Übrigens haben sich die User von Chan-Boards Corona recht schnell als »Waifu« (also eine weibliche Anime-Partnerin) anthropomorphisiert und nennen sie »Corona-Chan«.

Ich würde gerne noch einmal auf die Psyche der Incels zurückkommen, die mir von sehr viel Selbsthass gezeichnet zu sein scheinen. Wie würdest du diese ständigen Selbstbetrachtungen und Abwertungen des Ich verbunden mit Projektionen auf Frauen charakterisieren?

Das Selbstbild von Incels ist von oftmals schwer aushaltbaren Widersprüchen gekennzeichnet. Elliot Rodger schrieb in seinem Manifest abwechselnd davon, ein »Supreme Gentleman«, als auch davon, »unwürdig« zu sein, jemals von einer Frau begehrt zu werden. Der gleiche Tenor wird heute auf Foren widerholt. Man schwankt dazwischen, als Vertreter der »Blackpill«-Ideologie zu den wenigen erleuchteten der Welt zu zählen, deren Mechanismen durchschaut zu haben, und dafür, so die eigene Ansicht, es verdient zu haben mit Zuneigung, Sex und Anerkennung belohnt zu werden. Gleichzeitig ist man von Depressionen und Selbsthass zerfressen. Incels machen einen Großteil ihres Selbstwertgefühls an der Anerkennung durch Frauen fest, und sich also komplett davon abhängig – was Frauen natürlich in eine ungewollte Machtposition bringt, von der diese nichts wissen. Und dass eine Frau einem dahergelaufenen Incel die abverlangte Zuneigung nicht entgegenbringt, ist eine nicht auszuhaltende Kränkung. Man wird nicht begehrt, und dieser Mangel an Begehren übersetzt sich einerseits in Selbsthass, andererseits in Strafbedürfnis. Und selbst wenn einem eine Frau Zuneigung entgegenbringt, wird diese direkt abgelehnt, was sich in Aussagen wie »Sie flirtet nur mit dir, um dir zu zeigen, was dir entgeht!« oder »Sie nimmt sich heraus, dir ein Kompliment zu geben, was bildet sich diese eingebildete Kuh eigentlich ein« artikuliert. Incels haben sich ein Loch gegraben, aus dem es schwer ist, wieder herauszukommen, und das positive Affirmation gar nicht erst zulässt. Hinzu kommt die Toxizität der eigenen Community. Auf jedem einzelnen Forum wird einem vor Augen gehalten, dass man unattraktiv und nicht liebenswert sei. Es gibt Foren, die sich dem »Looksmaxxing« verschrieben haben, also dem Verbessern des eigenen Äußeren durch Sport und plastische Chirurgie. Dort posten User Bilder von sich, um sich von anderen bewerten und Tipps geben zu lassen, wie sie das eigene Aussehen verbessern können. Einander bestätigen, dass man doch eigentlich ganz gut aussehe, und das Problem ein Mangel an Selbstliebe ist, sucht man dort vergeblich. Mich selbst erinnern diese Foren etwas an Pro-Ana-Foren, in denen sich magersüchtige Mädchen untereinander Abnehm-Tipps geben und gegenseitig erzählen, wie fett sie doch seien. Ein Artikel in der Zeitschrift »The Cut« berichtet von einem User des Incel-Forums lookism.net, der 30.000 Dollar in plastische Chirurgie investiert hat! Und dass sich User gegenseitig den Suizid nahe legen, ist auch keine Seltenheit. Es ist nicht verwunderlich, dass der Großteil der Incel-Community sich als depressiv bezeichnet und angibt, unter Angststörungen oder gar Körperdysphorie zu leiden. Incels sind, anders als sie behaupten, mitnichten eine Selbsthilfecommunity, sondern ein toxischer Kult, der nicht nur Frauen, sondern auch den eigenen Mitgliedern gegenüber extrem schädlich ist. Therapie lehnen sie jedoch ab, da diese als »jüdische Erfindung« begriffen wird, um den aufgeklärten Blackpiller wieder in einen Normie zu verwandeln, und da diese einem ohnehin nicht zu Sex verhelfen würde – das einzige, was einem Incel aus dessen Misere helfen würde, was natürlich eine komplett irrationale Erwartungshaltung an Sex ist. Als ob Sex ein Wunderheilmittel gegen das jahrelange Internalisieren einer derart toxischen Ideologie sei!

Du hast davon gesprochen, es sei wichtig, dass Incels lernen, Frauen nicht als Projektionsflächen zu betrachten sondern als Subjekte, was nur möglich ist, wenn sie die Incel-Kontexte hinter sich lassen. Gibt es denn Untersuchungen darüber, aus welchen Gründen Männer die Foren verlassen haben, welche Hilfestellungen von außen geholfen haben und notwendig waren?

Es gibt an Aussteiger- und Support-Projekten den Subreddit »IncelExit« und das Projekt »Love, Not Anger«, das von Alana, der Begründerin der ursprünglich noch nicht misogynen und hasserfüllten Incel-Community. Da es noch kaum Untersuchungen über die Szene selbst gibt, sind die über den Ausstieg noch weniger. Viele ehemalige Incels schreiben davon, dass sie den Hass, sowohl gegen sich, als auch gegen andere, in der Community nicht mehr ertragen hätten. Sie müssten erst erlernen, Frauen wieder als Menschen, und nicht als Monster oder als lebende Löcher zu betrachten, aber auch, wie man einen freundlichen und angstfreien Umgang mit anderen Menschen hat. Viele User schreiben davon, dass das Verlassen der Foren einem Entzug gleichen würde, da sie »süchtig« nach dem Besuch derselben gewesen wären, und die Foren ihnen das komplette Sozialleben ersetzt hatten. Auf »IncelSupport« bieten andere Reddit-User*innen ihre Unterstützung und Perspektive an; leider unter ihnen auch einige Maskulinisten oder Pick-up-Artists, die versuchen, die verunsicherten jungen Männer von ihrer Ideologie zu überzeugen, aber auch feministisch orientierte Männer und Frauen. Ich selbst habe für mein Buch einen Ex-Incel interviewt, der in den Nuller Jahren in der Szene war und diese verlassen hat, als sie zu misogyn und toxisch wurde, der regelmäßig in dem Forum mit Tipps und Ratschlägen zur Seite steht. Sie alle laufen jedoch auf: »Such dir professionelle Hilfe« hinaus, denn es benötigt definitiv Therapie, um diese Ideologie wieder aus den Gehirnwindungen heraus zu bekommen. Ich denke dass sich bei einer Forschung darüber durchaus Parallelen zu den Aussteigern aus rechten Strukturen oder eher Sekten finden lassen – anders als Neonazis drohen Incels zum Glück nicht, Aussteiger umzubringen. Man verhöhnt sie lediglich.

Du hast die Pick-up-Artists erwähnt, die ja ähnlich wie Incels in Frauen vor allem zu erobernde Objekte sehen. Was ist der Hintergrund dieser seltsamen Community und wo liegen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu den Incels?

Pick-up-Artists, die oft der »Redpill«-Ideologie angehören, vertreten die These, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Frauen ihre Sexualität quasi als Waffe verwenden, um Männer in Schach zu halten – ein Beispiel ist der misogyne Mythos der falschen Vergewaltigungsanschuldigung. Dieser Blick ist natürlich unglaublich projektiv, das steht ganz außer Frage. Weibliche Sexualität müsse man also wieder unter eine männliche Kontrolle und Herrschaft bekommen, und deswegen müsse man Frauen wie Objekte behandeln und manipulieren, um mit einer zu schlafen. Es ist nicht verwunderlich, dass sich Elliot Rodger auf einem Forum namens »Pick Up Artist-Hate« radikalisiert hat. Viele Incels sind junge Männer, die trotz der Hunderten von Dollar oder Euro, die sie in den Seminaren dieser sich als »Verführungskünstler« bezeichnenden Vergewaltigungsapologeten, keinen Erfolg bei Frauen verzeichnen konnten. Anstatt zu dem sehr naheliegenden Schluss zu kommen, dass die auf Übergriffigkeit und Manipulation basierenden »Verführungsstrategien« von Pick-up-Artists nicht unbedingt das sind, womit man die Damenwelt von sich überzeugen kann, erklärten sich Incels ihre mangelnden Sexpartnerinnen damit, dass sie einfach zu hässlich seien, um überhaupt von Frauen beachtet zu werden, da diese eben nur Chads als Sexpartner anerkennen.

Daneben gibt es Maskulinisten, die glauben, dass die Gesellschaft Männer verweichlicht und die dem ein traditionelles Bild von Männlichkeit entgegen stellen. Verstehen sich Maskulinisten mit Incels? Von außen betrachtet wirkt es, als seien Maskulinisten vor allem auf den Mann fixiert, und Frauen spielen nur eine untergeordnete Rolle, während Incels alles mögliche auf Frauen projizieren.

Maskulinistische Gruppen wie die »Men going their own way« oder die neofaschistischen Proud Boys halten Incels, trotz einer Wesensverwandtheit, für totale Loser, mit denen kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist. Incels sind ja der Ansicht, dass sie selbst keine Möglichkeit mehr haben, die patriarchale Herrschaft über Frauen zurück gewinnen zu können, außer eben im totalen Akt der »Incel Rebellion«. Sie haben quasi die Hoffnung aufgeben, Alpha-Männer werden zu können. Alpha-Mann werden und den aufmüpfigen Weibern wieder zeigen was Sache ist, ist jedoch das, was sich Männerrechtsgruppen auf die Fahnen geschrieben haben, sie sehen sich als soldatische Kämpfer für ihr Geschlecht – und in der Regel auch ihre weiße Rasse –, und betrachten Incels als depressive Jammerlappen. Um es mit Connell zu sagen: Maskulinisten sind hegemoniale Männer oder wollen diese werden, Incels betrachten sich als marginalisierte Männer, obwohl sie eindeutig zu den »komplizenhaften Männlichkeiten« zählen. Im Frauenhass kommen sie dann aber wieder alle zusammen. Eine Anekdote am Rande: der Matura-Faschist Martin Sellner rief einmal auf Twitter dazu auf, die »White Pill« zu schlucken, ein Gegenstück zur »Black Pill«. Damit war wohl gemeint, man solle sich als Soldat in den Rassenkrieg konskribieren.

Parallel zu all den Maskulinisten, Antifeministen und Sexisten gibt es seit den 1970ern auch eine profeministische Männerbewegung mit dem Anspruch, theoretisch und praktisch patriarchale Männlichkeitsentwürfe in Frage zu stellen. Spielt die heute noch eine Rolle? Und gibt es von dieser Seite Auseinandersetzungen mit Phänomenen wie den Incels?

Diese Bewegung kam vor allem im Rahmen der Veröffentlichung von Theweleits »Männerphantasien« und der feministischen Kritik an den »Mackerstrukturen« der Achtundsechziger auf und hat reflektiert, inwieweit patriarchale Vorstellungen von Männlichkeit Männern selbst Schaden zufügen. Und dem ist ja der Fall; das gewalttätige Abspalten alles Nicht-Männlichen, die Disziplinierung in männerbündischen Kontexten, das ist ja unglaublich grausam und brutal. Leider sind einige dieser Gruppen in der maskulinistischen Väter- und Männerrechtsbewegung aufgegangen. Es gibt heute inzwischen wieder Gruppen wie »Detox Masculinity« und tolle Autoren wie Christoph May, Kim Posster oder Rick Reuther, deren Arbeit ich ausgesprochen schätze und die Texte zu kritischer Männlichkeit verfassen oder gendersensible Jungenarbeit machen. Gerade letzteres halte ich für eine der wichtigsten pädagogischen Aufgaben unserer Zeit, vor allem angesichts der Tatsache, dass adoleszente Jungen wohl die Bevölkerungsgruppe sind, die am ehesten für faschistische Ideologien empfänglich sind. Auch die Gruppe »Heroes«, die explizit auf muslimische Jungen und Männer zugeschnittene gendersensible Arbeit macht, will ich nicht unerwähnt lassen. Und ja, es gibt auf jeden Fall Auseinandersetzungen mit Incels, und ich befinde mich diesbezüglich auch in einem regelmäßigen Austausch mit zum Beispiel May oder Posster. Auch wird die Debatte um Männlichkeit und Männlichkeitsinszenierungen in der queeren Szene immer wieder verhandelt, beispielsweise von Tunten oder Trans-Männern.

Einer der Vertreter dieser profeministischen Männerbewegung, Andreas Kemper, hat kürzlich in einem Artikel den Begriff der toxischen Männlichkeit kritisiert, er schreibt: »Tatsächlich scheint der Begriff ›toxische Männlichkeit‹ aus einem Zusammenhang zu kommen, der die ›Giftigkeit‹ auf die Frauen zurückführt. Zunächst wurde der Begriff ›toxische Männlichkeit‹ in der US-amerikanischen mythopoetischen bzw. Wild-Men-Bewegung benutzt. Diese stützte sich auf die Jungianische essentialistische Archetypenlehre.« Ist eine solche Arbeit an Begriffen aktuell hilfreich, oder fasert das die Auseinandersetzung darüber, was hinter dem Bild »toxische Männlichkeit« steht, nur unnötig aus?

Diese Begriffsarbeit ist auf jeden Fall hilfreich, und ich bin Kemper sehr dankbar für seine fundierte Analyse – und seine ausgefeilte Jung-Kritik, aber das sage ich jetzt als Frau mit einer Freud-Gesamtausgabe im Schrank. Was für ein guter Text. Ergänzend würde ich mit Kim Posster und Jeja Klein sagen, dass diese Differenzierung zwischen »Toxischer« und »guter« Männlichkeit irreführend, oder viel mehr eine Befriedung ist. Männlichkeit konstituiert sich über die Abwertung des Nicht-Männlichen oder Weniger-Männlichen und ist in sich gefährlich und gewalttätig. Jede cis-geschlechtliche Männerbiographie ist durch diese elendigen patriarchalen Verhältnisse von klein auf darauf aufgebaut, keine Frau zu sein und eine durch den Phallus bedingte Vorherrschaft zu haben, und diese wird ja auch auf gesamtgesellschaftlicher – ökonomischer, kultureller – Ebene reproduziert. Männlichkeit kann nur existieren, indem Frauen durch systematische Unterdrückung zu Frauen gemacht werden, und ihnen ihr Nicht-Mann-Sein vor Augen gehalten wird. Männlichkeit als Konzept ist gefährlich und auf der Unterdrückung anderer, sei es jetzt Frauen oder weniger männliche Männer, aufgebaut. Ich kann nachvollziehen, dass es ein erster pädagogischer Ansatz ist, Jungen zu vermitteln, dass es auch eine »bessere« Männlichkeit gibt als den homophoben und sexistischen Schulhofbully, der dann als Paradebeispiel für eine »toxische Männlichkeit« herangezogen wird, aber dabei darf es nicht bleiben. In vielen linken Kontexten ist es nach wie vor der Fall, dass Männer über die »toxische Männlichkeit« anderer Reden, und sich selbst dafür auf die Schulter klopfen, vielleicht keinen sexuellen Übergriff zu begehen, aber eine grundlegende Selbstkritik und daraus folgende Konsequenzen bleiben dann aus. Eine radikale Kritik an dem Geschlechterverhältnis muss in nichts weniger seiner kompletten Abschaffung enden.

Wie hältst du das aus, dich so intensiv mit all diesen frauenverachtenden, gewaltvollen Texten und Videos der Incels auseinanderzusetzen, was sind deine Strategien dabei? 

Man könnte sagen: man gewöhnt sich dran. Anfangs war es schwieriger, sich permanent diesem Frauenhass und den artikulierten Gewaltfantasien auszusetzen. Zum Glück hatte ich drei Jahre lang eine sehr gute Psychoanalytikerin, und habe gelernt, mich emotional davon zu distanzieren. Anfangs haben mich graphischere Texte durchaus getriggert, aber die permanente Auseinandersetzung damit lässt eine abstumpfen – würde man dem Thema jeden Tag die angemessene Wut entgegen bringen, würde man früher oder später ausbrennen. Mir hilft das Wissen, durch die Aufklärungsarbeit hoffentlich ein Bewusstsein für dieses Problem zu schaffen und Eltern, Lehrkräfte und Jungs für die Thematik zu sensibilisieren; ich weiß, dass ich diese Arbeit nicht in einem luftleeren Raum mache.

Des weiteren befasse ich mich maximal drei Tage in Folge mit Recherche; danach mache ich Pause, spreche mit feministischen Freund*innen, lese schöne Literatur, gucke Filme oder spiele Videospiele. Und ich spreche mit Menschen, die sich ebenfalls mit dem Thema befassen, twittere über das, was ich gelesen habe, oder verfasse einen Artikel. Diese Form der intellektuellen Sublimierung hilft mir sehr gut. 

Von den Postings, die von Selbsthass, Suizidalität und Depressionen handeln, lässt es sich für mich als Person, die selbst mit Depressionen diagnostiziert ist, und ein paar ziemlich dunkle Phasen in ihrem Leben hatte, schwerer distanzieren, da sie mich doch tiefer treffen. Ich weiß, wie es ist, sich selbst zu hassen oder sich das Leben nehmen zu wollen; diese Postings triggern oft mehr als das Schreiben über sexuelle Gewalt. Stellenweise machen mich diese Beiträge auch wütend: es ist Ausdruck einer verdammt privilegierten Position, mit Suizid zu kokettieren, weil man keinen Sex hat. In Moira wollen sich Kinder das Leben nehmen, weil ihre Situation tatsächlich so ausweglos und tragisch ist, und die betrachten es als größtmögliche Tragik, dass sie keine 15 Jahre alte Sexsklavin haben? 

Und wenn wir gerade über minderjährige Sexsklavinnen sprechen: Pädosexuelle Inhalte sind der Moment, an dem ich an meine Grenzen stoße. Ein Vertreter der Incel-Community, Nathan Larson, artikuliert ziemlich graphische Vergewaltigungs- und Vernichtungsfantasien gegenüber stellenweise sogar erst drei Jahre alten Mädchen. Als ich in seinem glücklicherweise inzwischen geschlossenen Forum »Raping Girls is Fun« (!!) recherchiert habe, hatte ich tatsächlich Albträume danach. Ich habe immensen Respekt für Kriminalbeamt*innen, die sich beruflich mit pädosexueller Gewalt befassen. 

Zum Abschluss die Frage: Hat dich die Beschäftigung mit Incels verändert? Blickst du anders auf die Welt?

Mich lässt meine Arbeit oft sehr traurig zurück: es tut so weh zu wissen, dass in diesen Foren Männer heranwachsen, die sich und Frauen so viel Gewalt antun, und vor allem Frauen gegenüber zu einer lebensbedrohlichen Gefahr werden können. Vor einigen Tagen erst hat man erkannt, dass der Mord eines gerade erst 17 Jahre alten Jungen an einer Sexarbeiterin die Tat eines Incels war. Um diese Gefahr einzudämmen, kommen wir nicht umhin, eine radikale, kritische Jungenarbeit zu leisten, und im besten Falle jene neoliberal-kapitalistischen, patriarchalen Verhältnisse, die Incels hervorbringen, generell zu überwinden.

Stellenweise ist es schwer, eine professionelle Distanz zu wahren, gerade in Bezug auf die Auseinandersetzung mit psychischen Krankheiten. Ich selbst bin klinisch depressiv, und war über einen längeren Zeitraum meines Lebens an einem ziemlich dunklen Ort. Selbsthass und Suizidalität sind mir nicht fremd. Ich kenne es, anstatt Kritik und Selbstkritik zu üben und meine durch meine Depressionen und Neurosen verzerrte Weltsicht kritisch zu hinterfragen, mich einzuigeln, selbst zu entmündigen, und zu sagen, dass ohnehin alles keinen Sinn hat. Es ist bequem. Und stellenweise transportiert mich die Arbeit zu Incels wieder in diese Orte zurück. 

Dazu kommt, dass in der Incel-Ideologie auch ein Kern Wahrheit steckt. Natürlich haben Menschen, die hegemonialen Schönheitsidealen entsprechen, Vorteile. Natürlich werden unattraktive Jugendliche in der Schule gemobbt. Ignoriert wird dann aber, dass diese Schönheitsideale ein gesellschaftlich vermitteltes Herrschaftsinstrument sind, um eine Mode- und Kosmetikindustrie am Laufen zu halten – die seit Jahrhunderten von weiblichen Selbstzweifeln angetrieben wird, und Männer erst seit einigen Jahrzehnten als weiteres Opfer entdeckt hat. Auch wird ignoriert, dass Mobbing primär Ausdruck binnenmännlicher patriarchaler Gewalt ist, in dem hegemoniale Männlichkeiten ihre Vorherrschaft über marginalisierte Männlichkeiten exerzieren – ich würde allen Incels anraten, Raewyn Connell zu lesen anstatt ihre Foren. Sie müssten über den Tellerrand ihrer Ideologie hinaus schauen und realisieren, dass nicht etwa Frauen oder Chads an dem Elend der Incels Schuld sind, sondern ein neoliberales Schweinesystem, das Mitverantwortung trägt für den Selbsthass und die Vereinsamung, denen sie unterliegen. Aber naja, das prädisponierte Feindbild Frau zu hassen ist leider nun einmal leichter als Gesellschaftskritik.