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Nachricht , : Lesetipp zum Black History Month: Scholastique Mukasonga

»Sister Deborah« von Scholastique Mukasonga. Lesetipp von Jonas Engelmann

Details

„Eine schwarze Frau wird kommen und die schwarzen Völker befreien, denn ihre Erlösung wird von den Frauen vollbracht“, prophezeit der US-amerikanische Reverend Marcus in Scholastique Mukasongas aktuellem Roman „Sister Deborah“ seiner Missionsgemeinde in Ruanda, „und um ins Königreich einzugehen, müssen Frauen die Frauen taufen, und diese Frauen werden den Männern voranschreiten, denen es nicht gelungen ist, den Erlöser zu uns herabzurufen. Halleluja!“ 

Mukasonga Scholastique (Francesca Mantovani Editions_Gallimard)

Die 1956 in Ruanda geborene und heute in Frankreich lebende Mukasonga lässt in „Sister Deborah“ eine Afrikanistin auf die Suche nach der titelgebenden Missionarin gehen, die in den 1930er Jahren als Afroamerikanerin nach Ruanda gekommen war, um dort ihre Lehre zu verbreiten und Wunderheilungen zu vollbringen. All das passt den religiösen wie auch politischen Anführern überhaupt nicht ins patriacharchale Bild: „Doch es kam sogar noch schlimmer, und das war nun wirklich nicht zu fassen: Manche Frauen, so wurde getuschelt, hätten sich tatsächlich geweigert, sich zu ihrem Mann ins Ehebett zu legen! Das war ganz allein die Schuld dieser amerikanischen Schwarzen“, heißt es in Aufzeichnungen über jene Zeit. Dieser Streik der Frauen wird zu einer Bedrohung der bestehenden gesellschaftlichen Strukturen und so wird Sister Deborah schließlich durch zwei Schüsse niedergestreckt, doch, so berichtet die unsichere Erzählerin im Roman, sei sie wieder auferstanden und danach verschwunden. Deborah Jewels, die aus Ruanda stammende Afrikanistin, die als kränkliches Kind ebenfalls von Sister Deborah behandelt worden war, findet sie auf ihrer Suche zwanzig Jahre später in einem Elendsviertel in Nairobi, wo sie als „Hexe“ und Heilerin unter dem Namen Mama Nganga weiter wirkt. Und wieder ist diese Tätigkeit den autoritären religiösen Strukturen ein Dorn im Auge und so muss Sister Deborah ein zweites Mal sterben, religiöse Fanatiker brennen den gesamten Slum nieder. 

Die in eine Tutsifamilie geborene Scholastique Mukasonga ist 1992 nach Frankreich emigriert und hat beim Völkermord an den Tutsi 1994 einen Großteil ihrer Familie verloren. Mit „Sister Deborah“ hat sie einen dichten und vielschichtigen Roman vorgelegt, der die Dynamik und Auswirkungen eines religiösen Fanatismus ebenso in den Blick nimmt wie koloniale Strukturen, panafrikanische Bestrebungen und afroamerikanische Missionsexpeditionen. 

Cover »Sister Deborah« (claassen)

Scholastique Mukasonga
Sister Deborah 
Roman
Aus dem Französischen 
von Jan Schönherr 
Hardcover mit Schutzumschlag
176 Seiten
ISBN 978-3-546-10089-2 
claassen