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Nachricht , : Moos: Die Geschichte der schwäbisch-jüdischen Familie Moos und mein Leben in Tel Aviv, Ulm und Freiburg; Ulm 2025

Beeindruckende Autobiographie eines linken Rechtsanwalts

Wichtige Fakten

Details

Der 1947 geborene Michael Moos gehört zur Generation der Kriegskinder, verbrachte jedoch seine ersten sechs Lebensjahre in Tel Aviv. 1953 kehren seine jüdischen Eltern Alfred (1913-1994) und Erna (1916-1994) nach Ulm zurück; sie waren 1933 über London nach Palästina geflüchtet1. Viele seiner Verwandten werden in der Shoa ermordet, sein Großvater mütterlicherseits begeht 1939 in Palästina Suizid.

In der Publikation erzählt Moos die Geschichte seiner Familie und sein eigenes Leben in mehr oder minder chronologischer Reihenfolge. Er studiert Jura, zuerst in Tübingen, dann in Freiburg, wo er seitdem lebt. Er engagiert sich im SDS, später an führender Position im maoistischen Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW). Nach dessen Ende geht er nicht den Weg zu den Grünen, sondern zum Bund Westdeutscher Kommunisten (BWK), der wiederum dann ab Mitte der 1990er Jahre den Weg zur PDS findet. Moos ist ein engagierter Anwalt und Strafverteidiger, auch in politischen Verfahren, er wird bis 2013 vom Staatsschutz überwacht. Der Jurist ist über 20 Jahre für die «Linke Liste» Mitglied des Gemeinderates. Bei der Oberbürgermeisterwahl 2002 erhält er als Kandidat eines links-unabhängigen Bündnisses im ersten Wahlgang fast 15 Prozent der Stimmen, immerhin fünf bis sechs mal mehr als die PDS bei Wahlen in westdeutschen Flächenstaaten damals erhielt.

Moos schildert aber auch private Dinge und Entwicklungen, Freundschaften, Ehekrisen, Wohnverhältnisse ausführlich. Großen Raum nimmt die langjährige, verfolgungsbedingte psychische Erkrankung seiner Mutter ein, die bereits 1949 beginnt, und mit etlichen längeren Klinikaufenthalten einhergeht. Erst 1983, elf Jahre vor ihrem Tod, wird die Krankheit der Mutter nach langem und zermürbenden Rechtsstreit anerkannt und sie bekommt eine Entschädigungsrente. Wann Moos beginnt, sich mit seiner jüdischen Herkunft weitergehend zu beschäftigen, wird nicht recht klar. Sicher spielte sie immer eine Rolle, etwa allein schon wenn er seinen Geburtsort irgendwo eintragen oder gar nennen muss. Im Buch schreibt er im Hinblick auf die Ermordung vieler Verwandter: «Bei uns war so vieles anders als bei meinen Klassenkameraden: Ich hatte keine Verwandtschaft, keine Cousins und Cousinen, keine Opas, nur eine kranke Oma, die bald starb».

Welche Rolle «jüdisch sein» für Moos als Erwachsenen spielt, wird jedoch nicht wirklich deutlich und auch die transgenerationelle Traumaweitergabe wird letztlich nicht weitergehend beschrieben. Dass sich Moos damit beschäftigt hat, ist zu vermuten, und im Schlusswort dankt er seinem langjährigen Therapeuten. Dieser Umgang ist aber die Entscheidung des Autors, was dieser preisgibt, ist seine Entscheidung. Moos´ Buch ist mit Bildern gut illustriert. Es zeigt, dass «private» Geschichten durchaus ihren politischen Hintergrund haben. Es ist ein lesenswerter Beitrag zu einer deutsch-jüdischen Erfahrungsgeschichte der Bundesrepublik, in der einige Jahrzehnte lang die traumatisierten Überlebenden mitten unter den Tätern und Täterinnen lebten.

Michael Moos: «Und nichts mehr wurde wie es war...». Die Geschichte der schwäbisch-jüdischen Familie Moos und mein Leben in Tel Aviv, Ulm und Freiburg (Schriftenreihe des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg Ulm (DZOK), Band 9); Verlag Klemm und Oelschläger, Ulm 2025, 160 Seiten, 19,80 Euro. 

1 Zu seinem Vater siehe Claudia Dauerer / Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg, KZ-Gedenkstätte: Alfred Moos, ein Ulmer Jude auf der Flucht vor dem NS-Staat. Ein Beitrag zur deutschen Emigration nach Palästina, Ulm 1995.

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