Nachricht | Work in Progress VI. Incels. Geschichte, Sprache und Ideologie.

Wir begleiten die Autorin Veronika Kracher bei der Entstehung ihres Buches über Incels.

Screenshot Google-Suche.

Work in Progress: An dieser Stelle begleiten wir Veronika Kracher Woche für Woche bei der Entstehung ihres Buches und präsentieren Interviews und Textauszüge. 

Die Frankfurter Journalistin und Autorin Veronika Kracher arbeitet derzeit an einem Buch über Incels – unfreiwillig im Zölibat Lebende (»Involuntary Celibates«). Incels, so Kracher,  sind  Ausdruck einer Gesellschaft, in der die Abwertung des Weiblichen an der Tagesordnung ist. Sie treffen sich in Onlineforen und auf Imageboards und lamentieren darüber, keinen Sex zu haben, obwohl dieser ein natur- gegebenes männliches Grundrecht sei. Obwohl Incels schon zahlreiche Gewalt- und Terrorakte begangen haben, wurde das Phänomen gerade im deutschsprachigen Raum bisher nur sehr oberflächlich analysiert. Mit ihrem Buch, das die Geschichte der Bewegung nachzeichnet, die Memes und Sprache der Incels erklärt, ihre Ideologie analysiert und eine sozialpsychologische Auseinandersetzung mit diesem Online-Kult anstrebt, will Veronika Kracher diese Lücke füllen. 

Nachdem wir in der vergangenen Woche nach Verschwörungstheorien der Incels um Corona, Aussteiger und »Meme Wars« gefragt haben, präsentieren wir in dieser Woche einen Auszug aus einem bereits fertig gestellten Kapitel. Darin geht es um Elliot Rodger, einen Incel, der 2014 sechs Menschen ermordete

Wenn wir über Incels sprechen, kommen wir nicht umhin, uns mit ihrem »Heiligen«und »Supreme Gentleman« Elliot Rodger zu befassen. Elliot Rodger, der am 23. Mai 2014 sechs Menschen ermordete und 14 weitere verletzte, um die Welt dafür zu bestrafen, dass er keinen Sex hatte. Er hinterließ neben einem YouTube-Video ein über 130 Seiten langes »Manifest« mit dem Titel My Twisted World. Ich habe es gelesen und analysiert, damit ihr es nicht müsst. Und es war eine der ermüdendsten, langweiligsten und stilistisch schlechtesten Lektüren, die ich mir jemals antun musste. Aber eine Analyse jenes Textes, dessen Autoren so viele Incels zum Idol auserkoren haben, und der einer der Grundsteine der modernen Incel-Bewegung und maßgeblicher Einfluss für die Ideologie dieser Subkultur ist, komme ich, der Vollständigkeit halber, nicht herum.

Was Elliot Rodger auf jeden Fall zu bieten hat, ist ein Sinn fürs Dramatische, der sich bereits in der Einleitung offenbart, in der er die Messlatte für das kommende ziemlich weit oben ansetzt: »Dies ist die Geschichte, wie ich, Elliot Rodger, zu dem wurde, der ich bin. Dies ist die Geschichte meines gesamten Lebens. Es ist eine dunkle Geschichte von Traurigkeit, Wut, und Hass. Es ist die Geschichte eines Kriegs gegen grausame Ungerechtigkeit. In dieser überwältigenden Geschichte werde ich jedes einzelne Detail meines Lebens preisgeben, jede bedeutsame Erfahrung, die ich meinem überlegenen Erinnerungsvermögen entziehen konnte, und wie diese Erfahrungen meine Weltsicht geprägt haben. Diese Tragödie hätte nicht passieren müssen. Ich wollte nicht, dass Dinge so verlaufen, aber die Menschheit zwang mich dazu, und diese Geschichte wird erklären wieso.« 

Der 1991 geborene Elliot Rodger war Sohn des Dokumentarfilmers Peter Rodger und der Filmassistentin Chin Rodgers, sein Großvater war der Kriegsfotograf George Rodger, einer der Begründer des renommierten Fotograf*innen-Zusammenschlusses »Magnum Photography«. Rodger wuchs also in ausgesprochen privilegierten Verhältnissen auf, an was er seine Leser*innen immer und immer wieder erinnert. Von klein auf wird er auf Reisen nach Europa oder Asien mitgenommen, seine Eltern führen den Jungen in teure Restaurants aus, er wächst in gehobenen Vierteln und geräumigen Häusern auf, besucht Privatschulen, wird mit Geschenken überschüttet, und von seiner Mutter und diversen Au-Pairs verhätschelt und umsorgt. Schon mit sieben Jahren hat er Hummer für sich als Lieblingsessen entdeckt. Er beschreibt die Scheidung seiner Eltern als Schlüsselerlebnis; kurze Zeit später heiratet sein Vater die marokkanische Schauspielerin Soumaya Akaaboune, die sich zu einer antagonistischen Figur in Rodgers Leben entwickelt, da sie es wagt, ihm Grenzen zu setzen, was Elliot eine vernichtende Kränkung ist. Rodger beschreibt en detail seine Zeit als Schüler in unterschiedlichen Grundschulen, Mittelschulen und der High School, zahlreiche Reisen, Freundschaften zu unterschiedlichen anderen Jungen, und sein Verhältnis zu Videospielen, vor allem dem Online-Rollenspiel »World of Warcraft«. Sein Sozialleben verlagert sich zunehmend ins virtuelle, gleichzeitig leidet er unter seinen mangelnden Sozialkontakten im realen Leben, vor allem am Kontakt zu Frauen, der ihm eigentlich zustehen sollte, da Rodger, davon ist er fest überzeugt, anderen Männern haushoch überlegen ist. Dennoch sind es konsequent als »brutes«, also grobschlächtige, viehhafte Rohlinge titulierte Männer, die Frauen erobern können, während der arme Elliot Rodger verschmäht wird. Sein ganzes Leben beschreibt er als eine Aneinanderreihung himmelschreiender Ungerechtigkeiten, die ihm als gebeuteltem und hilflosen Subjekt widerfahren; er selbst scheint vollkommen ohnmächtig gegen die kalte Grausamkeit der Welt da draußen, die sich verschworen zu haben scheint, Rodger das Leben so schwer wie möglich zu machen und ihn zu traumatisieren (Rodger und ich, als auch die klinische Psychologie, haben recht unterschiedliche Vorstellungen von Traumata, mehr dazu jedoch später). Rodger wählt sich seine Universitätsstadt, Isla Vista, aus, weil das Hochschulleben dort angeblich von Sex und Partys geprägt sei; auch die offensichtlich hyperrealistische Darstellung des Ortes in dem Film »Alpha Dog« trug wohl maßgeblich zu seiner Entscheidung bei, dort zu studieren. Doch als sich, anders als erwartet, sich die attraktiven blonden Kommilitoninnen nicht umgehend an Rogers Armani-gekleidete Brust und ihm die Schlüpfer an den Kopf werfen, radikalisiert er sich sein Frauenhass, seinem Hass auf Paare und seinem Hass auf erfüllte Sexualität immer mehr. Dabei gibt sich Rodger unglaubliche Mühe, sich als potentieller Datingpartner interessant zu machen: er läuft den Campus auf und ab und wartet, darauf, angesprochen zu werden! Sein Hass und seine Enttäuschung über das mangelnde Sexleben münden darin, dass er aktiv Gewalt gegen Frauen und Paare ausübt; zuerst kleinere – beispielsweise das Übergießen mit Kaffee – später versucht er, Gäste einer Party von einem Balkon zu schubsen. Schließlich erreicht seine Zerrissenheit zwischen den Größenwahnfantasien und der realen Demütigung (respektive dem, was Rodger für Demütigung hält, nämlich: dass Frauen mit anderen Männern schlafen, anstatt mit ihm) den Höhepunkt: das Attentat von Isla Vista, dem mehrere Menschen zum Opfer fallen.

Ich habe die nicht weniger als 137 Seiten Manifest, das Rodger vor seinem Anschlag veröffentlicht hat, analysiert. Meine eigenen Kommentare lassen sich größtenteils mit »Du narzisstischer, verzogener, infantiler Rotzlöffel« zusammenfassen, aber leider verlangt eine tiefgründige Analyse dann doch mehr. Sie erwartet euch in dem Buch «Incels – Sprache, Geschichte und ideologie eines Online-Kults«.