3. Juli 2017 Diskussion/Vortrag "Jenseits des Geschlechterprinzips"

Kritische Theorie und Gender

Information

Veranstaltungsort

Universität Trier, Raum C22
C22
Universitätsring 15
54294 Trier

Zeit

03.07.2017, 18:00 - 20:00 Uhr

Themenbereiche

Ungleichheit / Soziale Kämpfe, Gesellschaftliche Alternativen

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Kritische Theorie ist nicht im engeren Sinn feministische Theorie, bietet jedoch eine Reihe von Anknüpfungspunkten. Das Verhältnis des Feminismus zur älteren Kritischen Theorie ist deshalb zumindest ambivalent.
Und doch fällt auf, dass in den Programmschriften der älteren Kritischen Theorie den Geschlechterverhältnissen breiter Raum zukommt:
Subjektionkonstitution, Arbeitsteilung, Verhältnis von Gesellschaft und Natur - solche Konstellationen von Zivilisation werden von Horkheimer und Adorno zumal an den Geschlechterverhältnissen nicht nur exemplifiziert, sondern diese bilden manchmal, unauffällig, das Zentrum, um das Begriffe kreisen, mit denen sie die Dialektik von Mythos und Aufklärung fassen.
Dass in der Gesellschaftskritik der älteren Kritischen Theorie patriarchale Geschlechterverhältnisse an zentraler Stelle berücksichtigt sind, wurde in feministischen Lesarten durchaus rezipiert.
Feministische Kritik macht sich aber vor allem an zwei (vermeintlichen) blinden Flecken fest:
An der Konzeptualisierung des Subjekts als männlich und einer unhinterfragten Setzung der Geschlechterbinarität. Indem sie die Identifikation von Frau und Natur zentral setzen (und damit das unversöhnte Verhältnis von Gesellschaft und Natur benennen), würden Horkheimer und Adorno den realen Ausschluss von Frauen noch einmal bestätigen.
Vor diesem Hintergrund geht der Vortrag darauf ein, wie in der Theorie Horkheimers und Adornos die Kategorie Geschlecht gefasst ist, welche Bedeutung ihr zukommt und in welchem Verhältnis zu anderen gesellschaftlichen Strukturkategorien sie sich bewegt.
Ausgehend von einer Kritik des Ödipuskomplexes als Vorwegnahme einer erst gesellschaftlich errichteten Genderbinärität wird auf die Kritik der Indentitätslogik eingegangen, welcher die Geschlechterverhältnisse zentral sind.
Herrschaftskritik als Kritik ungebrochener Naturbeherrschung operiert zentral mit Bildern des Weiblichen als Ort des Nicht-Identischen in der bürgerlichen Gesellschaft. Gelesen als dialektische Bilder geben diese de bonheur frei und repräsentieren darin gerade auch eine unterirdische Geschichte der Zivilisation. Derart enthalten die Schriften der älteren Kritischen Theorie eine ganze Reihe von Passagen zur Frauengeschichte - von Kirke zu Juliette - gesehen aus männlicher Perspektive, jedoch so aufbereitet, dass sie die herkömmliche Geschichte unversehens gegen den Strich bürsten.

Referentin:

Dr. Karin Stögner ist Mitarbeiterin des Wiener Instituts für Konfliktforschung (IKF) und forscht zu den Themen Frauen, Antisemitismus, Nationalsozialismus und Holocaust, Geschichtsphilosophie, Kritische Theorie.
Mehr Informationen unter www.ikf.ac.at/m_stoegner.htm

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